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Frankfurter Zeitung 13.08.1914 : Die Türkei sperrt den Bosporus

Die russische Diplomatie trachtete nunmehr den unbequemen Großwesir zu beseitigen. Bisher gelang es nicht. Dschawid und Djemal sind für diesen Streich nicht ausreichend. Der Kriegsminister Enwer Pascha steht vollkommen zum Prinzen Said Halim. Talaat andererseits weiß, daß die Türkei kaum einen patriotischeren einwandsfreien Großwesir auftreiben kann. Eine Krisis im gegenwärtigen Moment müßte das Jungtürkentum erheblich schwächen. Eine der Hauptklauseln des geplanten Vertrages war die Zusicherung der vollständigen Integrität des türkischen Reiches und russische Hilfe im Falle eines Angriffs auf deren auf deren asiatischen beziehungsweise europäischen Besitzstand. Ferner erklärte Rußland, mit seinem und dem Einfluß seiner Verbündeten dafür eintreten zu wollen, daß Griechenland die ägäischen Inseln Mytilene, Chios und Lemnos der Türkei zurückstatte, dagegen verlangte Rußland die Verabschiedung der unter dem Befehl des Generals v. Liman stehenden deutschen Militärmission. In ihrem Wirken wurde die russische Diplomatie durch den französischen Botschafter Bompard und durch dessen englischen Kollegen Sir Louis Mallet unterstützt. Grey hatte vor Jahresfrist den nichts weniger als deutschfreundlichen aber durch und durch als Gentleman denkenden Botschafter Sir Gerald Lowther kurzer Hand verabschiedet und durch den intriganten, vollkommen im Geiste der König Edwardischen Ideen großgewordenen Mallet ersetzt. Von französischer Abstammung und ein Günstling einer einflußreichen Freundin König Edwards, der Lady Nippon, schien Mallet der Mann, welchen man in Stambul notwendig brauchte. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger knüpfte Mallet bald rege persönliche Beziehungen zum jungtürkischen Klub an, den er wiederholt aufsuchte. Er ist ein Mann von ausgesprochener Doppelzüngigkeit, der unter dem Mantel des Wohlwollens die Türkei in die russisch-französische Umarmung hineinzutreiben trachtet. Auch ihm stellte sich als Hindernis die Haltung des türkischen Offizierkorps entgegen, das in seiner überwiegenden Mehrheit deutsch gesinnt ist.

Die türkenfeindliche Klique hat nun schon im vorigen Jahre mit Hilfe französischer Eisenbahn- und Waffenlieferungs-Interessenten ein Syndikat zusammengebracht, welches über drei Millionen Franken an die Türkei hauptsächlich gelesene französisch geschriebene Presse verteilte, aus der man sich in Konstantinopel hauptsächlich das politische Urteil bildet. Nachdem dies gelungen war, ging man kürzlich zu einem anderen großen Plan über. In Konstantinopel erscheint die „Agence de Constantinople“ die hauptsächlichste Nachrichtenagentur. Sie beruht auf einer Vereinbarung des Wiener k. u. k. Korrespondenzbureaus mit der Pariser „Agence Havas“. Letztere kündigte das Abkommen mit dem k. u. k. Korrespondenzbureau. Dafür sollte die mit türkischer Regierungssubvention in Konstantinopel herausgegebene „Agence Ottomane“ nach einem zu vollziehenden Uebereinkommen zwischen Wien und Paris in den Verband der großen europäischen Nachrichtenagenturen, dem sie noch nicht angehört, aufgenommen werden. Die „Agence Ottomane“, welche im Innern der Türkei über 150 Filialen verfügt, hat seit ihrem Bestehen ihre Hauptaufgabe in Verbreitung dreibundfeindlicher Nachrichten erblickt. Ihr Leiter Gurdji ist ein bekannter französischer Söldling und ein blindergebenes Werkzeug von Dschawid und Djemal. Die Absicht, sich dieser Agentur zur Verbreitung deutschfeindlicher Nachrichten im großen Maßstabe im Inneren der Türkei zu bedienen, war klar. Die Fäden wurden aber auch durch das prompte Eingreifen des deutschen Botschafters Freiherrn v. Wangenheim und seines österreichisch-ungarischen Kollegen Markgraf Pallavicini zerrissen. Herr Poignon, der Direktor der „Agence Havas“, welcher im Mai in Konstantinopel weilte, mußte vorläufig unverrichteter Sache abziehen.

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