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Frankfurter Zeitung 24.05.1929 : Ein Zeppelinflug, der Nationen zusammenbringt

  • -Aktualisiert am

Zeppelin in Friedrichshafen am Bodensee Bild: Picture-Alliance

In der Luft scheinen die Streitereien der Politik in weiter Ferne. Bei einer Reise im „Graf Zeppelin“ macht ein Redaktionsmitglied ein überraschendes Erlebnis: Französische und deutsche Passagiere nähern sich einander an.

          Sonderbericht unseres Redaktionsmitglieds Max Geifenheyner.

          Um 5.10 Uhr gelandet.

          Friedrichshafen, 24. Mai. In schneller, sicherer Fahrt hat „Graf Zeppelin“ den Heimathafen erreicht. Um 5.20 Uhr war das Luftschiff geborgen. Nun fordert es noch einmal sein Recht, gehört zu werden. Denn diese Rückfahrt nach Friedrichshafen war mehr als schnelle, sicherere Bewegung durch die Luft. In diesem Schiff saßen deutsche und französische Menschen zusammen. Räumlich und auch innerlich entfernt von der Politik des Tages, suchten und fanden sie ganz unsentimental menschliche Verbindungen hoch über dem Ozean in abendlicher Stunde, während die Städte tief unten gleich riesigen Ornamenten aus Lichtern funkelten. Mußten sich nicht die sonst so sorgsam abgesteckten Grenzen zwischen den Nationen verwischen, wie sich unten auf der Erde die Grenzen verloren und kein Unterschied mehr war zwischen französischen und deutschem Land, sondern nur eine Erde, die allen ohne Unterschied Nahrung und Leben gibt. Mit der Sturmfahrt des Zeppelin nach Cuers war ein Stern der Hoffnung der den Niederungen des bloßen politischen Daseinskampfes aufgetaucht. Durch eine natürliche Geste der Ritterlichkeit und der Freundschaft erschien der Glaube an eine Verständigung gesicherter als in sonst üblichen offiziellen Versicherungen. Es war eine klare Wirklichkeit gegeben: Der Zeppelin hatte eine Notlandung vornehmen müssen, und er war mit einer solchen Bereitwilligkeit und Hilfsbereitschaft aufgenommen worden, wie es kein deutscher Offizier und kein Passagier des Luftschiffes erwartet hatte. Gewiß, wir kamen mit einem Wunderwerk der Technik, einem Riesenspielzeug, dem die Bewunderung der ganzen Welt gehörte. Aber mußten nicht gerade in Cuers Erinnerungen laut werden, die das Gegenteil eines Empfanges von so naiver Herzlichkeit hätten bedeuten können?

          Mochte man auch zugeben, daß das leichtbewegte Gemüt der Südfranzosen für eine so sensationelle Angelegenheit wie die plötzliche Notlandung eines havarierten Zeppelins leicht in Wallung zu bringen – es blieb immer noch genug übrig für den Beweis einer rein menschlichen Teilnahme. In unserer schönen Gondel saßen die sechs französischen Offiziere. Wir haben uns mit ihnen an einem Tisch über vieles ausgesprochen. Wir haben bei der Abfahrt in Cuers erlebt, wie die Soldaten des Luftschiffhafens und die unzähligen Besucher unserer Aussteigen mit Bravorufen und Händeklatschen begleiteten. So bedeutete die Mitnahme der französischen Offiziere mehr als eine Geste der Höflichkeit. Die Aufnahme des Zeppelins in Frankreich muß uns mindestens ebensoviel gelten, wie sie dem südfranzösischen Volk gegolten hat. Jeder von uns hat Beispiele erlebt, ob es nun Kellner oder Chauffeure waren, Unterpräfekten, Arbeiter oder Beamte, jeder sagte mit anderen Worten dasselbe: Der Krieg ist zu Ende, der Friede zwischen unseren Nationen auf dem Marsche. Wir sind froh, das durch unser Verhalten bekräftigen zu können.

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          Friedrichshafen, 24. Mai. Friedrichshafen war seit den frühesten Morgenstunden in Erwartung der Ankunft des Zeppelin. Seit 1/2 5 Uhr waren sämtliche Arbeiter und Landungsmannschaften auf dem Gelände. Mit besonderer Neugier wurden natürlich die französischen Offiziere erwartet. Nachdem der Ballon kurz vor 1/2 6 Uhr in der Halle untergebracht war, stieg als erster Kapitänleutnant v. Schiller aus der Gondel, ihm folgten andere deutsche Offiziere, und dann kletterten die Franzosen die kleine Holztreppe hinunter. Sie wurden sofort aus lebhafteste begrüßt und waren sehr erfreut über den herzlichen Empfang, den man ihnen bereitete. Sie sind alle im Kurgartenhotel untergebracht, wo heute Nachmittag ein Tee gegeben wird. Dr. Eckener, dem ein Blumenkorb überreicht wurde und der von seiner Familie erwartet wurde, begab sich zunächst nach Haufe.

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