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Frankfurter Zeitung 25.06.1929 : Weshalb Frauen mitbestimmen sollen

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Die Vorsitzende des Weltbunds für Frauenstimmrecht, Margery Corbett Ashby, (l) im Gespräch mit Annie Leuch-Reineck in Zürich 1937 Bild: Picture-Alliance

Beim Treffen des Frauenweltbundes in Berlin, debattieren Teilnehmerinnen aus aller Welt über die Stellung der Frau. Ein Besuch vor Ort verdeutlicht, dass die politische Arbeit der Frauen wichtig ist – auch um den Frieden zu fördern.

          Wenn man als Mann mit der üblichen Skepsis zur Tagung des Weltfrauenbundes kommt, so wird man doch bald ernst und nachdenklich. Freilich, die anmutige Unordnung, welche an männlicher Pedanterie gemessen, hier und da in natürlichster Weise das Bild beherrschte und manche Presseberichterstatter zur Verzweiflung brachte, war höchst vergnüglich. Der Vorstand und die verschiedenen Ausschüsse und Verbände des Bundes hatten einen ganzen Koffer von Entschließungen mit nach Berlin gebracht, und wie immer, wenn eine Frau ihre Koffer auspackt, staunte man über die Fülle des Inhaltes und die Möglichkeiten zu lebhaftem Durcheinander. Schon das gab eine Art persönlicher Note.

          Und der tiefe Eindruck, den man mitnahm, kam wohl überhaupt von Persönlichen her. Die besondere Eigenart der Frauen, nicht nur in der Sache selbst etwas zu sagen, sondern es auf eine besondere Weise zu bekunden, wurde meisterlich gehandhabt. Menschliche Wärme ersetzte würdige Feierlichkeit, liebenswürdige Entschuldigung trat an die Stelle schroffer Ablehnung, persönliches Bekenntnis enthob der Notwendigkeit, gegnerische Ueberzeugungen herunterzureißen. Das alles war mehr als Außerliches, die Formen, in denen sich dieses Frauenparlament gab, hängen wohl mit dem Wesen recht verstandener Demokratie zusammen, das eine deutliche Verbindung der Person mit der Sache verlangt, ohne daß das eine durch das andere leide oder überdeckt würde. Nur in solcher Atmosphäre konnte überhaupt der Versuch gelingen, Frauen aus etwa 42 Staaten geistig zur Einheit zusammenzuschließen. Dieser Versuch gelang in erstaunlichem Maße; die Mitglieder der verschiedenen Delegationen mögen die nationalen Unterschiede als recht erheblich, zuweilen als störend empfunden haben, für den Zuschauer entstand in allem Wesentlichen nur das Bild einer in sich geschlossenen Bewegung der Frauen der Welt, unterschieden nur durch ihre Sprache. Nicht unbeteiligt daran war freiwillig wohl die Tatsache, daß englische Lebensform den Kongreß durch seine Vorsitzende, Mrs. Corbett Ashby, das Gepräge gab.

          Trotzdem kann man das sachliche Ergebnis der Tagung leicht zu Mißverständnissen führen. Es wurden Resolutionen angenommen, deren allergrößter Teil mehr oder minder deutlich formulierte Gesetzesvorschläge oder Anregungen zu Gesetzen enthielt, welche fast ausnahmslos in direktem Zusammenhange mit der Forderung nach äußerer Gleichberechtigung der Frau stehen. Bei einer Tagung, deren äußeres Bild so sehr von gleichartigen Veranstaltungen der Männer abstach, war eine so weitgehende Nachahmung männlicher Gepflogenheiten überraschend. Denn bei aller Anerkennung spezifischer weiblicher Interessenforderungen kann man doch daran zweifeln, ob die Frauen der ganzen Welt heute noch das Recht haben, sich bei einer so mächtigen und eindrucksvollen Kundgebung in ihrer Reformarbeit auf ihre unmittelbarsten Interessen zu beschränken. Von allen den vielen versammelten Frauen dürfte kaum eine die Notwendigkeit leugnen, daß es darauf ankomme, Bild und Wesen menschlichen Zusammenlebens selbst zu ändern, nicht nur in einem starren, unveränderlichen Weltbilde allein die Stellung der Frauen zu verbessern.

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          Davon war aber – mit der einzigen Ausnahme des Friedensgedankens – nirgends die Rede. Den Hauptgrund dafür bildet die historisch begründete Beschränkung der Zielsetzung dieses Bundes der Frauen, der, aus dem Zusammenschlusse von Frauenstimmenrechtsverbänden entstanden, ursprünglich überhaupt nur den Kampf um das aktive und passive Wahlrecht der Frauen zum Hauptziele hatte und sich später auf Beeinflussung von Regierungen und Behörden in Bezug auf Sonderforderungen der Frauen – unter Ausschaltung jeglicher Parteipolitik – bewußt beschränkte. Eine Diskussion über Wirtschafts- oder Schulfragen allgemeiner Art, die gewiß nicht ferngelegen hätte, hätte vermutlich parteipolitische Differenzen ausgelöst, die man unbedingt vermeiden wollte, umso mehr, als diese Fragen zur Kompetenz andere großen internationalen Frauenorganisationen gehören. Immerhin bleibt ein Rest. Abgesehen von der Neugründung der „Open Door Internationale“ fehlten auf dem Kongresse selbst zwar jegliche Suffragettentöne.

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