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Frankfurter Zeitung 12.07.1914 : Die Mohammedaner in Russland

Bild: Wolfgang Eilmes

Frankfurter Zeitung vom 12.07.1914 Zweites Morgenblatt, Seite 1. So berichtete die Zeitung vor 100 Jahren.

          Petersburg, 2. Juli. Seit das Oktobermanifest den in Rußland lebenden Mohammedanern eine etwas größere Pressefreiheit und auch sonst Möglichkeiten gegeben hat, ihre Kultur zu entfalten, seitdem dann die jungpersische und die jungtürkische Revolution die Welt des Islam mächtig anregten, gärt es unter den auf mindestens 20 Millionen zu schätzenden Anhängern beider muselmanischer Richtungen, der Sunna und Schia, unaufhörlich. Am lebhaftesten macht sich dies unter den Tataren geltend, die am Mittellauf der Wolga, in den Gouvernements Nishnij-Nowgorod und Kasan leben, und dort in mehreren Gegenden sogar die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Sie haben eine zwar dem Umfang nach noch unbedeutende, in ihrer Wirkung auf das bildungshungrige Volk aber nicht zu unterschätzende Presse gegründet, der einstweilein die Mohammedaner Zentralasiens nur wenig an die Seite zu stellen haben.


          Trotzdem sind aber auch diese Gebiete von der geistigen Bewegung ergriffen worden, die, soweit der Außenstehende zu erkennen vermag, zunächst auf eine Reform der Sitten, namentlich auf die Emanzipation der Frau hinzielt. Daneben ist der Ausbau der Volksschule systematisch angebahnt worden. Gelegentliche Einblicke in diese schon durch ihre äußerst wenigen Europäern zugängliche Sprache abgeschlossene Welt lassen jedenfalls erkennen, daß ein fester Wille besteht, mit dem alten orientalischen Schlendrian zu brechen. Auf einem Wolgadampfer machte ich die für mohammedanische Begriffe fast ungeheuerliche Erfahrung, daß mir ein offenbar sozial sehr hochstehender tatarischer Kaufmann aus Orenburg seine, natürlich wie fast alle Tatarinnen, unverschleierte junge Frau vorstellte und mit sichtlichem Stolz erzählte, sie sei vor der Verheiratung Volksschullehrerin an einer Mädchenschule gewesen. Die junge Dame machte auch einen geweckten und recht gebildeten Eindruck. Auf demselben Dampfer fuhr freilich auch ein anderes mohammedanisches Ehepaar, anscheinend Sarten aus Turkistan; die tiefverschleierte Frau verschwand sofort in ihrer Kabine, die sie während der dreitägigen Fahrt nicht mehr verließ, und der Gatte, ein stattlicher Greis, saß auf dem Promenadedeck vor dem verhängten Fenster seiner Frau und entfernte sich kaum zu den Mahlzeiten.

          Natürlich finden die Kreise, die an den alten Ueberlieferungen hängen, die festeste Stütze beim Klerus, dessen Ausbildung unter der väterlichen Aufsicht der russischen Regierung erfolgt, man kann sich denken, in was für einem Geiste. Doch scheint neuerdings die Opposition auch in diese Kreise eingedrungen zu sein. Wenigstens wurde immer lauter der Wunsch nach greifbaren Reformen der Organisation erhoben, in deren Einzelheiten einzudringen freilich die spärlichen Berichte nicht ermöglichen, die darüber in die russische Presse gelangen. Schließlich konnte auch die Regierung diese Stimmen nicht mehr überhören; sie berief einen Kongreß von Vertretern mohammedanischen Interessen nach Petersburg, wo er gegenwärtig tagt. Schon bei der Zusammensetzung der Mitglieder wurde darauf geachtet, daß die fortschrittlichen Elemente nicht überwogen. Außerdem wurde die Öffentlichkeit von den Behandlungen des Kongresses ausgeschlossen, so daß die Presse auf spärliche Nachrichten angewiesen ist, die sie aus dem Schoße der Versammlung selber erhält. Schon diese knappen Berichte lassen aber erkennen, daß trotz aller Vorsichtsmaßregeln der Geist, den man bändigen wollte, sehr lebendig sich regt und daß der Kongreß eine Reihe für russische Verhältnisse radikaler Forderungen aussprechen wird, die dann natürlich von der Regierung ignoriert werden.

          Wichtiger als dies voraussichtlich negative Ergebnis ist die Tatsache, daß selbst in den bisher loyalsten Teilen der mohammedanischen Bevölkerung, bei den Kirgisen, sich die Unzufriedenheit mit dem nationalistischen Kurs äußert, der alle staatlichen Einrichtungen, vor allem aber die Schule, nur als Werkzeug zur Russifizierung und Bekehrung zur Orthodoxie mißbraucht. Die Regierung könnte diese und andere Hinweise zur Regelung der künftigen Beziehungen zum Islam geschickt ausnützen, wenn sie den guten Willen dazu hätte. Eine wirkliche Assimilation der mohammedanischen Völkerschaften ist sowie so eine Utopie. Es hat aber eher den Anschein, als ob die begangenen Fehler verschlimmert, als ob aus den außer den echten Russen bisher zuverlässigsten Untertanen des Zaren ein neues Element ständiger Sorge herangebildet werden solle. Von dem „Panislamismus“, der eine Zeitlang das Schreckgespenst russischer Nationalisten war, ist es zwar wieder still geworden. Aber wenn auch die russischen Mohammedaner mit der Türkei und Indien nur sehr lockere Beziehungen unterhalten, so macht zweifellos unter ihnen selber der Gedanke der Zusammengehörigkeit bemerkenswerte Fortschritte. Eine dem osmanischen türkisch nahestehende Zwischensprache, die den Angehörigen aller Turkstämme (Tataren an der Wolga und in der Krim, Kaukasustataren, Kirgisen, Sarten, Asbeken usw.) ein leicht erlernbares Verständigungsmittel bietet, scheint dabei eine fast ebenso große Rolle zu spielen, wie die religiösen Gedanken. Daß diese nicht in den Vordergrund gestellt werden, beweist die in den letzten Jahren beginnende, auf russischem Boden vorbereitete Annäherung von Schiiten und Suniten, deren lehren ganz unversöhnlich sind. Das russische Vorgehen in Serbien und noch mehr der wilde Ausbruch des Türkenhasses, der während der letzten Balkankrise in Russland erfolgte, haben diesen Zusammenschluß stärker gefördert als ein Jahrzehnt Propaganda es könnte. Für den Bestand des russischen Reiches bilden die Mohammedaner keiner Gefahr, da sie viel zu sehr zerstreut wohnen, um irgendeine Autonomiepolitik zu verfolgen. Ihre große Masse aber in steigender Unzufriedenheit zu erhalten, kann trotzdem zu schweren Unzuträglichkeiten führen.

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