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Frankfurter Zeitung 15.06.1929 : So trieb die Polizei die Mai-Unruhen in die Katastrophe

  • Aktualisiert am

Polizisten kontrollieren am 1. Mai 1929 Passanten. Bild: Picture-Alliance

Proteste der Kommunisten in Berlin werden zusammengeschossen, zahlreiche Zivilisten sterben. Ein erfahrener Polizist schlägt Alarm: Der eigene Nachwuchs werde militärisch abgerichtet.

          Nicht um Fortführung der Debatte über das Verhalten von Regierungs- und Polizeistellen in den Berliner Maitagen geht es uns bei der Veröffentlichung des nachfolgenden Artikels. Herrn Polizeioberst Lange haben wir gebeten, über die Lehren, die aus jenen Vorkommnissen für die Zukunft gezogen werden können, sich hier zu äußern. Seine Kritik der Ueberbetonung des militärischen Elements in der Ausbildung unsrer preußischen Polizeibeamten verdient doppelte Beachtung als die eines ehemaligen Armeeoffiziers. Andere deutsche Länder haben es verstanden, ihre Schutzpolizei stärker als Preußen auf rein polizeiliches Denken und Handeln einzustellen. Man möchte dringend wünschen, daß ein so energischer Mann wie Minister Grzesinski die neusten Erfahrungen zum Anlaß nähme, um ganz von vorne und unabhängig von jeder Beeinflussung diese Probleme einmal persönlich neu durchzuführen. D. Red.

          Die sogenannten Maiunruhen in Berlin haben zu einer Polizeikatastrophe geführt. Zu ihr hätte es nicht zu kommen brauchen, wenn politische Einsicht an maßgebender Stelle zum Entschluß geführt hätte, das Demonstrationsverbot rechtzeitig aufzuheben. Vor oder kurz nach Weihnachten wäre dazu Zeit gewesen. Schließlich konnte ein sozialdemokratischer Polizeipräsident doch nicht von der Tatsache überrascht werden, daß am 1. Mai die Arbeiterschaft die Straße für sich verlangen würde, um in altgewohnter Weise für ihre Ideale zu demonstrieren. Wer am Dampfkessel steht, muß wissen, was ein rechtzeitig geöffnetes Ventil bedeutet.

          Wenn die Wiener Polizei nun schon zu wiederholten Malen es fertig gebracht hat, so feindliche Brüder wie Heimwehr und Republikanischen Schutzbund gleichzeitig demonstrieren zu lassen, ohne daß einer den anderen stören konnte, war das für die Berliner Polizei erst recht keine unmögliche Aufgabe. Es wäre vor allen Dingen wirklich eine Polizeiaufgaben gewesen, die doch darauf hinauslaufen soll, die bürgerliche Freiheit zu schützen und Leben und Gut der Bürger zu sichern.

          Der Aufruhr, den die Kommunisten zweifellos gepredigt hatten, – und das ist ihre blutige Schuld – hat, als es dann soweit war, gar nicht stattgefunden. Selbstverständlich war es Pflicht des verantwortlichen Polizeileiters, alle Vorbereitungen  zu treffen, um eingreifen zu können, wenn es wirklich Not tat. Der Ablauf der Ereignisse hat gezeigt, wie ernüchternd schon diese Bereitschaft der Polizei auf die kommunistische Führer und ihr Gefolge gewirkt hat. Denn sie waren nicht zur Stelle. Die Ro­do­mon­ta­den der „Roten Fahne“ über die Maitage, die von der gewaltsamen Eroberung der Straßen durch die kommunistischen Massen sprechen, sind nichts als lächerlich.

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          Die Polizei aber, einmal für den erwarteten Kampf bereitgestellt, und – wie sie nun einmal erzogen ist – wohl auch von dem Drang erfüllt , sich zu erproben, stürzte sich in Kampfhandlungen, nicht nur gegen Häuflein von Demonstranten, sondern auch gegen Straßenpassanten, deren unglückliches Schicksal es wollte, daß sie gerade diese Straßen benutzen mußten, weil sie dort ihr Heim hatten.

          Der Gummiknüppel, im Notfall die blanke Waffe – wozu eigentlich ist eigentlich eine Million Goldmark für die Hirschfänger der preußischen Schutzpolizei ausgegeben worden? – konnten genügen, um Ordnung zu schaffen, denn die Polizei hat zu keiner Stunde dieser ganzen furchtbaren Zeit einen Gegner gehabt, der auch nur einen Schuß mitten hinein in die Menge, in die Fenster und gegen die Balkone rechtfertigte. Steinwürfe sind sicher unangenehm und können unter Umständen auch empfindlich verletzen, aber Maschinengewehrfeuer dagegen ist doch über das Ziel hinausgeschossenen.

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