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Frankfurter Zeitung 13.05.1919 : Protest gegen Versailler Vertrag wird lauter

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Die Nationalversammlung verurteilt am 12. Mai in einer Protestkundgebung in der Berliner Universität die Friedensbedingungen der Alliierten. Bild: Picture-Alliance

Die Nationalversammlung fühlt sich von den Bedingungen des Versailler Friedensvertrags verraten und tritt zu einer Protestkundgebung zusammen. Dabei wird klar: Der Vertrag ist unannehmbar.

          Wenn das Recht auf Erden noch eine Macht ist, dann sollte man glauben, daß die Kundgebung der deutschen Nationalversammlung nicht ohne Wirkung bleiben könne. In ihr fließen, wie in dem Brennpunkt eines Spiegels, alle Wärmestrahlen des Herzens zusammen, die in dieser Stunde höchster Not von allem, was deutsch ist und deutsch fühlt, ausströmen. Die ungeheure Erregung, die unser Volk ergriffen hat, durchzitterte auch den Raum, in dem die Vertreter und Sprecher des Volkes am 12. Mai zusammentraten. Wer heute im Namen der Deutschen spricht, hat die heilige Pflicht, die ungeheure Enttäuschung und Erbitterung zum Ausdruck zu bringen, die ganz Deutschland aufwühlt. Und Pflicht ist hier Bedürfnis. Unsere Feinde haben es uns leicht gemacht, eine Einheitsfront ehrlichsten Protestes aller Parteien herzustellen, die in der Nationalversammlung vertreten sind. Auch die Kommunisten, die keinen Sitz darin haben, verurteilen den Rechtsbruch, wenn auch auf ihre Weise, denn dieser Gewaltfriede kommt ihrer Politik zu statten.

          Die Bedingungen sind in den entscheidenden Punkten und im Geiste so ungeheuerlich, daß es auch denen, die Deutschlands Anteil an der Schuld nicht gering bemessen, nicht in den Sinn kommt, diesen Vertragsentwurf als ein gerechtes Gesetzbuch für die neue Weltordnung hinzunehmen. Es ist festzustellen, daß alle Redner des gestrigen Tages einig waren in der schärfsten Verurteilung der Bedingungen, die sie für unerträglich und undurchführbar halten.

          Niemand wäre bereit, sich innerlich damit abzufinden, auch nicht die Partei der Unabhängigen, die den Gewaltfrieden durch die Kraft des revolutionären Sozialismus umstürzen zu können hofft. Diese Einmütigkeit muß uns erhalten werden. Aus der Sache selbst ergeben sich keine Sprengstoffe; wohl aber könnt die Auswahl des Weges, auf dem das uns allen gemeinsame Ziel: ein gerechter Ausgleich auf der Basis der 14 Punkte gesucht werden soll, zu verschiedener Meinung führen. Das ändert nichts an der Bedeutung der einstimmigen Beurteilung des Gewaltfriedens.

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          Der Weg jeder Kundgebung, die wir Deutsche heute in die Welt hinausschicken, hängt von ihrer Ueberzeugungskraft ab. Wir protestieren, weil wir das Unrecht aufs tiefste empfinden, und wir würden auch unseren Protest hinausrufen, wenn es niemanden in der Welt gäbe, der ihn anhören wollte. Das sind wir der deutschen Zukunft schuldig und darnach verlangt unsere Ehre. Wir protestieren aber zugleich, um gehört zu werden, um der Menschheit, den Millionen und Abermillionen unserer Feinde ins Gewissen zu reden.

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