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Frankfurter Zeitung 22.02.1919 : München im Belagerungszustand

  • Aktualisiert am

Soldaten sammeln sich während der Novemberrevolution 1918 in München. Bild: Picture-Alliance

Der Tod Kurt Eisners versetzt die Stadt in Ausnahmezustand. Es kommt zu Tumulten und heftigen Schießereien. Auch der Eisenbahnverkehr wird gestoppt.

          München, 21. Febr. (Priv.-Tel.) Ueber München ist der Belagerungszustand verhängt worden. Nach 7 Uhr abends darf sich kein Zivilist auf der Straße blicken lassen. Dementsprechend sind alle öffentlichen Veranstaltungen aufgehoben und die Theater bleiben bis auf weiteres geschlossen. Die Gewerkschaften haben in Verbindung mit den Arbeiter- und Soldatenräten die Ausdehnung des Generealstreiks auf drei Tage, bis einschließlich Sonntag, beschlossen. Die Kundgebungen auf der Theresienwiese am Nachmittag sind ohne besondere Zwischenfälle verlaufen, wenn auch im Ton der Reden die tiefe Erregung über die blutigen Ereignisse des heutigen Tages widerhallte.

          Mehrfach wurde die Bewaffnung des gesamten Proletariats gefordert, vereinzelt zu Gewalttaten gegen die besitzenden Klassen aufgefordert. Gleichzeitig fanden in verschiedenen großen Sälen Versammlungen statt. Im Deutschen Theater traten die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte zusammen. Auf Antrag des Bauernbundesführers Gandorfer wird der Landesrätekongreß, der erst gestern auseinander ging, sofort wieder einberufen werden. Unter stürmischem Beifall forderte der Bolschewist Dr. Levien die Absetzung sämtlicher Minister und die Verkündung der Räterepublik. Es hat sich außerdem ein Aktionskomitee aus den beiden sozialistischen Parteien, den Kommunisten und dem Vollzugsausschuß der Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Am späten Nachmittag streiften zahlreiche Flugzeuge über der Stadt und warfen Proklamationen ab, auch Autos durchfuhren die Straßen der Stadt und verbreiteten Flugblätter, in denen teils zur Wahrung von Ruhe und Ordnung, teils zur zweiten Revolution aufgefordert wurde.

          München, 21. Febr. (W.B.) Der Landes-Soldatenrat, das Ministerium für militärische Angelegenheiten, der Stadtkommandant und der Polizeipräsident erlassen folgende Bekanntmachung an die Soldaten, Arbeiter und Bürger: Durch ruchlose Mörderhand wurde Ministerpräsident Eisner ermordet, Minister Auer schwer verwundet. Diese tiefbedauerlichen Vorfälle, die jeder rechtlich denkende Mensch verurteilen muß, müssen alle Gemüter aufs höchste beunruhigen. Sofort muß das Volksgericht die Untersuchung und strengste Bestrafung vornehmen. An das Volk, den Bürger- und Soldatenrat ergeht die Bitte, die Ruhe jetzt zu bewahren. Geht in Eure Wohnungen! Die Straße ist gefährlich! Ab 7 Uhr abends darf keine Zivilperson mehr auf der Straße sein. Die öffentlichen Lokalitäten haben ebenfalls um 7 Uhr zu schließen.

          Ein Manifest der Unabhängigen. – Die Verwundeten. – Neue Tumulte.

          München, 21. Febr. (Priv.-Tel.) In einem Manifest der Unabhängigen zur Ermordung ihres Parteihauptes Eisner heißt es:

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          „Die Gegenrevolution hat zum ersten großen Schlage ausgeholt, indem sie den verhaßten Führer der sozialen Revolution niederstreckte. Die Bürgerwehr, die weiße Garde, der Mittwochputsch, das sind die Etappen zur Erwürgung der sozialen Revolution. Seinen Ausdruck fand das Wühlen der Reaktionäre in der verleumderischen Hetze einer feilen Presse, die heuchlerisch Ruhe und Ordnung fordernd, die Atmosphäre für den Meuchelmord schuf. Arbeiter und Soldaten, man will Euch weiter unter das alte militärische, kapitalistische Joch beugen. Jetzt gilt es zu handeln, die Revolution zu retten. Auf, heraus zum Streit, heraus aus den Betrieben! Nieder mit der Bourgeoisie und mit ihren verbrecherischen Helfershelfern! Hoch die soziale Revolution!“

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