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Frankfurter Zeitung 12.07.1929 : Geht ein Riss durch Deutschland?

  • -Aktualisiert am

Blick von der Siegessäule auf das Reichstagsgebäude um 1930 Bild: Picture-Alliance

Ein Artikel über München und Berlin regt die Debatte an: Inwiefern ticken die Menschen im Süden anders als im Osten des Landes? Und welche Stadt repräsentiert das „bessere Deutschland“?

          Der Wind weht herb über die oberbayerische Hochebene. Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Menschen dort schliefen. Es ließe sich wieder etwas aus München machen, wenn man sich Mühe gäbe. Ein langer Aufsatz über Berlin von Dr. Wilhelm von Schramm in den „Münchner Neusten Nachrichten“ rüttelt in seinem ersten Teil die Münchner unsanft. Ein merkwürdiger Artikel. Wir können uns lebhaft vorstellen, daß mancher Münchner Kopfstand, als er seinen ersten Teil la. Mit Recht. Denn er trifft die Münchner unvorbereitet. Wir zitieren: „Berlin ist der Ort, wo man die deutsche Niederlage praktisch nicht anerkannt und durch Arbeit bereits zum größten Teil überwunden hat. In diesen Massen ist ein ganz unermeßlicher Wille da, ein Wille, um jeden Preis zu leben, sich nicht gehen zu lassen, das äußerste aus sich herauszuholen, eine Härte, Sachlichkeit, Disziplin, die auch die Haltung des kleinsten Ladenmädchens bestimmt. Man kennt in Berlin kaum eine Verbitterung über die neue Zeit; viel weniger jedenfalls als im Süden. Berlin hat seinen geistigen Einfluß systematisch und immer weiter auszubreiten gewußt, nachdem es zuerst mit dem alten Typus des geistigen Menschen gebrochen hat. Es verlangte von dem Geistigen eine viel schärfere Tätigkeit für das Allgemeine und bezog ihn in einem neuen Zusammenhang mit der Zeit. Es hat mit der Schöngeisterei und ästhetischen Isolierung gebrochen; es hat den Künstler und geistigen Menschen ins Leben zurückversetzt.“

          Man kann sich, wenn man die langen Spalten liest, in denen Berlins Zeitung anerkannt wird, nicht denken, daß etwas Gegenteiliges folgen könne. Aber es konnte trotzdem folgen. Man mag boshaft sein und glauben, daß dieser zweite Teil nur geschrieben wurden um den ersten den Münchnern zu Gemüte zu führen. Sonst hätte die Zeitung das Ganze überhaupt nicht geben können. Aber so raffiniert ist man in München nicht. Man muß auch den zweiten Teil ernst nehmen. Außerdem haftet er, weil der Leser ihn am Schluß leist, am längsten im Gedächtnis. „Berlin im Verhältnis zu unserer schweren geheimnisreichen Nation gesehen, ist allzu einseitig, zu sehr verstandesmäßig. Diese Stadt ist auch abgesehen von ihrem eigentümlichen Wesen, bereits zu groß, zu zivilisatorisch, zu irreligiös, als daß in ihr noch die stillen gesammelten Schöpfungen unabhängiger, nur noch auf sich selber gestellter Geister entstehen könnte, Berlin ist ein Markt. Aber seine Geburtsstätte der Kunft... Aus diesen Gründen wendet sich heute das bessere Deutschland gegen die Vorherrschaft und Tyrannei Berlins. Das eine Deutschland spiegelt sich in Berlin, das andere, jetzt unterdrückte, sucht ein Symbol, ein neues Weimar der Gegenwart. Viele Augen sehen auf München. Es könnte die andere Welt dieses gegensätzlichen Volkes ohne Feindschaft gegen den einen Pol, aber mit heiterem Selbstgefühl und mit Zucht und Glauben verwirklichen.“

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          Also doch das „bessere Deutschland“? Also doch eine obstinate „stille Sammlung“, eine Repräsentation des „Gegenpols“? Es kommt auf dasselbe heraus, ob man auf das Berlin schimpft oder ob man es übertrieben respektiert und sich dann mühsam auf einen Gegenpol rettet. In beiden Fällen lebt man im Schatten Berlins. Wir möchten unsererseits, daß dieses alte Land, in dem wir leben, stolz und aufrecht bleibe. Das kann es aber nur, wenn es in einer unmittelbaren tätigen Beziehungen zur Gegenwart steht.

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