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Frankfurter Zeitung 19.12.1914 : Die Beschießung der englischen Ostküste

Bild: Picture-Alliance

Ein deutsches Geschwader beschießt sämtliche englische Küstenplätze. Welcher Schaden hierbei entsteht und wie stark England getroffen wird, meldet die Frankfurter Zeitung am 19. Dezember 1914.

          Amsterdam, 18. Dezbr. (Priv.-Tel., Ctr. Frkst.)

          Die englischen Blätter fahren fort, beweisen zu wollen, wie kaltblütig die Engländer den Angriff auf ihre Ostküste aufgenommen hätten. Die heute hier eingetroffene „Times“ aber widmet der Angelegenheit einen mindestens dreimal so großen Artikel als selbst dem in England mit großem Jubel aufgenommenen Seesieg bei den Falklandinseln. Ein ganzseitiger Situationsplan, dazu noch zwei kleine Karten werden dem endlosen Artikel beigefügt, deren Inhalt bereits kurz im Auszug gemeldet wurde. Damit auch die heitere Note nicht fehle, sucht der bekannte Militärsachverständige der „Times“ zu beweisen, daß der Angriff nur der schlechten Laune der Deutschen entsprungen sei. Er schreibt: Alles spricht dafür, daß der Feind in einer ganz verzweifelten Laune, die durch die vielen Unglücksfälle, die er erlitten hat, hervorgerufen wurde, nunmehr etwas unternehmen mußte. Dabei kam es gar nicht darauf an, wie stumpfsinnig diese Unternehmung auch sei, wenn es ihm nur den Anlaß gab, einen neuen Siegesbericht herausgeben zu können.

          Ja sogar Freude hat der Angriff hervorgerufen, denn so meint der Militärschriftsteller der „Times“, die Soldaten freuen sich, daß Deutschland jetzt den Krieg nach England trägt, denn dieses ist die einzige Methode, die unser ganzes Volk zum Erheben bringen kann. Er fährt fort: „Während der am meisten wahrscheinliche Beweggrund dieses Unternehmens also lediglich die schlechte Laune ist und der Geist unvernünftiger Zerstörungswut, der die deutschen Herzen erfüllt, so müssen wir doch noch eine andere Erklärung suchen. Die erste Erklärung liegt darin, daß der Angriff lediglich eine Finte ist, die dazu dienen soll, ernstere Maßregeln und vielleicht sogar die Abfahrt eines größeren Kreuzergeschwaders zu verdecken, das dann ähnliche Taten ausführen soll wie die „Emden“. Wir werden ja schnell genug erfahren, woher der Wind weht und wir haben keinen Grund, ängstlich zu sein, denn unsere Vorbereitungen zu Lande und zur See sind getroffen.“
          Aus der „Westminster Gazette“ erfährt man übrigens, daß auch ein Angriff auf Tynmouth (nördlich von Harlepool) erwartet wurde. Die Militärbehörden in Tynmouth befahlen nämlich, daß dort das Gas ausgedreht wurde und sie rieten der Bevölkerung an, wenn es möglich sei, rasch nach Rawcastle zu fliehen.

          Amsterdam, 18. Dezbr. (Priv.-Tel., Ctr. Frkst.)

          Die „Times“ teilt mit, daß bereits 90 Leichen in Hartlepool gefunden worden seien und sehr leicht möglich sei, daß noch mehr Leichen unter den Trümmern der Häuser verborgen seien. Die Zahl der Verwundeten gehe in die Hunderte, verschiedene seien so schwer getroffen, daß wenig Hoffnung für sie bestehe. In einem Lazarett allein seien 160 Verwundete aufgenommen worden. „Die Beschießung war“, heißt es in dem Blatt, „viel heftiger als zuerst angenommen wurde. Die Verwüstung, die angerichtet wurde, ist auch dementsprechend. Die Deutschen hatten augenscheinlich die Absicht, eine möglichst große Oberfläche zu bestreichen. Hunderte von Häusern sind schwer beschädigt. Wenn es der Zweck der deutschen Beschießung war, die Küstenbatterien am Hafeneingang zu treffen, so wird sich wohl daraus die Vernichtung der Häuser, die gerade an dieser Seite standen, erklären. Die Straßen mit Läden haben weniger gelitten.“

          Eine politische Persönlichkeit von Einfluß sagte mir, der Angriff des deutschen Geschwaders auf die Ostküste habe für die neutralen Mächte seine Bedeutung darin, daß er zeigte, daß die rücksichtslose Sperrung der Nordsee durch englische Minen ihren Zweck, deutsche Kriegsschiffe und Unterseeboote fernzuhalten, nicht erreiche, daß also die Unterbindung des Handels der Neutralen durch England noch nicht einmal durchaus zweckdienlich ist. Diese Erkenntnis könne bei der Zusammenkunft der skandinavischen. Monarchen nicht ohne Wirkung bleiben.

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