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Frankfurter Zeitung 01.04.1919 : Ausschreitungen in Frankfurt

  • Aktualisiert am

Die Kaiserstraße nahe des Hauptbahnhofs in Frankfurt am Main um 1920 Bild: Picture-Alliance

Eine Demonstration vor dem Lebensmittelamt eskaliert. Es kommt zu Tumulten. Mehrere Plünderer werden von der Polizei erschossen.

          Nachdem die Demonstrationen der Notstandsarbeiter vor dem Lebensmittelamt am Montag Mittag ziemlich ruhig verlaufen waren, kam es am Nachmittag und Abend zu größeren Ausschreitungen. Sie nahmen ihren Anfang auf dem Börneplatz, dem Sitz des wilden Straßenhandels. Die Polizei hatte dort eine Händlerin festgenommen, die trotz wiederholte Warnung Glücksspiele veranstaltete, und sie auf das gegenüber liegende Polizeirevier gebracht. Es rottete sich bald eine Menschenmenge zusammen, in der Hauptsache Händler, unter denen sich bekanntlich viele zweifelhafte Elemente befinden, aber auch jugendliche Personen, die gerne jeden Skandal mitmachen. Das Revier wurde gestürmt und die Frau befreit. Die Polizeibeamten wurden mißhandelt und die Akten auf die Straße geworfen. Ein Teil des Mobiliars wurde,  namentlich von Frauen und Kindern, fortgeschleppt. Mannschaften von dem Marinesicherungsdienst und von der Polizeitruppe waren gegen die immer mehr anwachsende Menschenmenge machtlos und wurden zum Teil entwaffnet. Eine Rotte junger Burschen eilte dann nach der Hammelsgasse, wo sie die Gefangenen befreiten. Eine Anzahl Gerichtsakten wurde verbrannt.

          Dann trat eine Weile Ruhe ein. Erst bei Beginn der Dunkelheit setzten die eigentlichen Raubzüge ein. In der Fahrgasse wurde die Waffenhandlung von Dotzert geplündert. Eine große Schar begab sich dann nach dem Frankfurter Hof und raubte dort ansehnliche Lebensmittelmengen. Von mehreren Augenzeugen, die der Zufall in diese Gegend gebracht hatte, wird es glaubwürdig versichert, daß sich unter den Beutelustigen und Beutebeladenen, in die anscheinend eine Rauchstimmung gefahren war, auch recht viele gutgekleidete Frauen und Männer befunden haben.

          Auf dem Roßmarkt wurde das Geschäft von Schepeler heimgesucht, in der Fahrgasse Salomon, ein Herrenkleider und ein Schuhwarengeschäft im König von England, auf der Zeil Fuhrländer Nachfolger – hier blieben die Ladenbestände unberührt, da die Wachmannschaft rasch einschritt, nur die Schaufenster wurden eingeschlagen und die Auslagen geraubt – Hutgeschäft Lange, Korsetthaus Zeil, auf der Neuen Kräme ein Damenhutgeschäft am Liebfrauenberg Carsch, Esders u. Dydhoff und mehrere andere Läden. Während der Abendstunden ertönte vielfach Gewehrgeknatter, doch waren es vielfach Schreckschüsse, die von der Polizei abgegeben wurden, um die Menschenmengen zu zerstreuen.

          Das Polizeipräsidium, gezeichnet Plewe, Zimmermann, erließ folgende Bekanntmachung:

          Hiermit ordnen wir zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit Straßensperre für die Stadt Frankfurt a. M. an und zwar von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens. Die Straßensperre tritt sofort in Kraft. Ansammlungen zu jeder Zeit auf den Straßen und öffentlichen Plätzen sind strengstens untersagt jede Zuwiderhandlung geschieht auf eigene Gefahr.

          Die Erwerbslosen-Kommission gezeichnet Berger, erläßt folgende Mahnung:

          Arbeiter! Bürger! Erwerbslose! Genossen aller Parteien! Bewahrt die Ruhe, es kann und darf nicht zum Bruderkrieg kommen. Von heute ab gibt es eine Sonderzuweisung für den Kartoffelausfall. Geht in die Betriebe meidet die Straße! Neugierige, Ihr seid gewarnt! Die Parole für die Zeit heißt: Ruhe! Vernunft! Ordnung!

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          Manche schlimme Szene hat sich abgespielt. So wurde der 30 Jahre alte Matrose Franz Rödel vom Marinesicherungsdienst, der erst am Sonntag geheiratet hatte, am Börneplatz von einer Uebermacht aufs Schwerste mißhandelt, dann an den Main geschleppt und in den Fluß geworfen. Vermutlich ist er ertrunken, doch ist sein Tod noch nicht mit Sicherheit festgestellt. Ueberhaupt ist es selbst in später Abendstunde unmöglich, genaue Angaben über die Opfer zu machen, doch dürfte die Zahl der Toten und Schwerverletzten nur gering sein. Eine weitere Meldung besagt, daß eine Schar sich auf den Weg nach Preungesheim gemacht habe, um dort das Gefängnis in Stürmen und die Insassen in Freiheit zu setzen. Eine Abteilung Marinesoldaten und Polizeimannschaften hat sich sofort zum Schutz des Gebäudes nach Preungesheim begeben.

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