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Frankfurter Zeitung 12.02.1918 : Wie geht es weiter mit den Beziehungen zu Russland?

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Leo Trotzkij auf einem Foto um 1918. Er war Gründer der roten Armee. Bild: Picture-Alliance

Die Friedensverhandlungen zwischen Russland und Deutschland stocken. Man kommt nicht vorwärts, die Politik Trotzkijs scheint undurchsichtig.

          Ein russicher Gelehrter, der erst während des Krieges gestorben ist, hat in jahrelangen Untersuchungen über die Grenzen von Tod und Leben, die man von jeher als unverrückbar betrachtet hatte, bei gewissen Organismen einen Zustand feststellen und sogar künstlich herbeiführen können, der weder Leben noch Tod war: alle Funktionen des lebenden Körpers schienen erloschen, bis sie auf einmal, nach Monaten und Jahren, durch einen willkürlichen Eingriff von außen wieder erweckt, gleichsam aus der Vernichtung neugeschaffen wurden. Diesen eigenartigen Zustand bezeichnete der Moskauer Professor als Anabiose.

          Es scheint nun fast, als ob auch in den Beziehungen Deutschlands und Rußlands ein anabiotischer Zustand zwischen Krieg und Frieden eintreten solle, für den die menschliche Erfahrung kein Beispiel kennt. Die Frage bleibt dabei offen, ob daraus der Krieg, der in den letzten Monaten allmählich verebbt war und schließlich durch den Waffenstillstand auch formell einen Abschluß gefunden hatte, von neuem zur grausen Wirklichkeit auferstehen wird. Eine militärische Bedrohung von Rußland her, wie sie unter dem alten Regime bestand, erscheint freilich für die Mittelmächte während dieses Krieges und noch lange darüber hinaus als undenkbar; die maximalistische  Politik in Finland und in der Ukraine zeigt aber noch andere Möglichkeiten der Kriegführung, gegen die sich Deutschland und seine Verbündeten schützen müssen. Welche Maßnahmen dafür geeignet sind, wird die Oberste Heeresleitung, aber auch die politische Leitung der Mittelmächte sorgfältig abzuwägen haben. Mit den Mitteln der Macht allein wird man dabei allein kaum auskommen.

          Die Regierung Lenin-Trotzkij würde vermutlich auch eine weitere Besetzung bisher russischer Gebiete, an die man als Druckmittel zunächst denken könnte, nicht als einen zwingenden Grund zur Aenderung ihrer in den Zielen durchaus klaren, aber in den taktischen Methoden zunächst undurchsichtigen Politik betrachten. Die nichtukrainischen Gebiete, die an unsere Front anstoßen, sind von schwerer Hungersnot bedroht; je mehr davon die Deutschen besetzen, so mag man in Petersburg rechnen, umso leichter wird die Aufgabe der Versorgung für die bolschewistische Regierung.

          Von den agitatorischen Absichten, die hinter Trotzkijs Erklärung stecken, braucht man gar nicht reden. Der Wall, den die deutschen Heere im Osten errichtet haben, schützt jetzt Mitteleuropa gegen eine andere Gefahr als die, zu deren Abwehr er nötig wurde. Mit welchen Mitteln er von jetzt an zu verteidigen sein wird, kann nur die peinlichste Abwägung aller Umstände errechnen. Daß aber die Verteidigung noch immer nötig ist, darüber kann kaum ein Zweifel bestehen. Trotzkijs Erklärung hat noch keinen Frieden geschaffen. Das Wiedererwachen des scheintoten Krieges aber muß unter allen Umständen verhindert werden.

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