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Frankfurter Zeitung 23.07.1914 : Österreich-Ungarn und Serbien.

Bild: Wolfgang Eilmes

Frankfurter Zeitung vom 23.07.1914 Zweites Morgenblatt Seite 1 So berichtete die Zeitung vor 100 Jahren.

          Berlin, 22. Juli. (Priv.-Tel.)
          Da der viel versprochene Schritt Österreich-Ungarns in Belgrad nach übereinstimmenden Nachrichten in allernächster Zeit bevorsteht, hat es wenig Zweck, noch Vermutungen über seinen Inhalt und seine Form und über seine Möglichen Wirkungen aufzustellen. Erst wenn der Wortlaut der Note bekannt sein wird, wird sich beurteilen lassen, wieweit sie geeignet ist, den von Österreich-Ungarn von Anfang an beabsichtigten Zweck zu erreichen, den Graf Tisza mit der Wendung: „eine Klärung des Verhältnisses der Monarchie zu Serbien“ umschrieben hat. Eine Klärung: das ist vieldeutig, man kann auch sagen: es ist milde ausgedrückt. Man könnte, wenn verstreute Mitteilungen über die ursprüngliche Absicht richtig sind, statt dessen von einer Abrechnung sprechen und darunter Forderungen verstehen, die zum mindesten Sicherheit gegen die großserbische Propaganda bieten sollen, soweit deren Ursprung und Rückhalt im Königreich Serbien liegt, und ferner zur Folge haben sollen, daß Serbien sein allgemeines politisches Verhalten gegenüber Österreich-Ungarn so einrichtet, daß dieses in seinen Interessen und in seinem Ansehen nicht geschädigt wird. So kann man wohl das, was Österreich-Ungarn im wohlverstandenen Staatsinteresse beabsichtigt hat und, wie wir annehmen, noch beabsichtigt, andeutungsweise umschreiben.

          Es liegt auf der Hand und ist auch in den letzten Tagen von allen möglichen Seiten genügend angedeutet worden, daß der Versuch einer solchen Klärung einer Großmacht gegenüber einem anderen Staate mancherlei Möglichkeiten und auch die Entwicklung zu ernsten Konflikten in sich schließt. Eine schreckhafte Auffassung der möglichen Entwicklung, wie sie einige Tage an den Börsen hervorgetreten ist, erscheint, wenn nicht unbegründet, so doch übertrieben, weil, wie wir schon neulich bemerkten, es sich ja um Vorgänge handelt, deren Analogie mit gewissen Phasen des Balkankrieges unverkennbar ist und an deren friedlichem Verlaufe man durchaus nicht zu verzweifeln braucht, zumal da eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses zu Ungunsten derer, die im äußersten Falle auf der Seite Österreich-Ungarns stehen würden, seither nicht eingetreten ist. Die beruhigtere Auffassung, die inzwischen, nach der Presse und nach den Vorgängen der letzten beiden Tage an der Börse zu urteilen, eingetreten ist mag auf solchen Erwägungen beruhen, sicher aber auch auf dem, was in den letzten vierundzwanzig Stunden über Form und Inhalt des bevorstehenden Schrittes der österreichischen Regierung von Wien aus kundgegeben worden ist. Gewiß wird – das nimmt man allgemein an – Österreich-Ungarn hinter diesen Forderungen, wie sie auch nach langer Beratung ausgefallen sein mögen, mit allem Nachdruck stehen, aber ganz allgemein gesprochen drängt sich doch jedem nach den Beobachtungen der letzten Wochen und nach dem Verhalten der österreichischen Politik während der bisherigen Balkanwirren die Erwägung auf, daß ein unmotiviertes Draufgängertum keinesfalls zu erwarten ist; die Maßgebenden Faktoren sind noch dieselben: der greise Kaiser und Graf Berchtold als Leiter der auswärtigen Politik.

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