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Frankfurter Zeitung 10.01.1916 : Erstes deutsches Kriegsmuseum

Bild: akg-images

Gewehre, Uniformen, Bagagewagen und zahlreiche weitere Kriegsgegenstände sollen dem Besucher im Kriegsmuseum ein ernstes, bebendes Herz bescheren. Über die Eröffnung der Ausstellung berichtet die Frankfurter Zeitung am 10. Januar 1916.

          F. St. Berlin, 9. Januar.

          In Berlin ist, wie schon kurz gemeldet, in den großen Ausstellungshallen des Zoologischen Gartens eine Kriegsausstellung eröffnet worden, die nicht die einzige ihrer Art in Deutschland bleiben soll. Nachdem die Verhandlungen mit den Behörden ein günstiges Resultat ergeben haben und besonders die Unterstützung der Generalgouverneure von Brüssel und Warschau das Material, das auf den Schlachtfeldern lag, freigeben konnte, sollen nun im ganzen Reich Kriegs-Ausstellungen stattfinden. Nicht damit der Heimkrieger sich vor Stolz bläht und gegen Deutschlands Feinde aufgestachelt wird, sondern damit er eine Anschauung von den Dingen erhält, die unser aller Denken, Fühlen, Sehen ausfüllen.

          Es ist im Grunde eine Ausstellung zum Lernen, zum Staunen, zum Bewundern, aber nicht im geringsten eine Ausstellung des Chauvinismus. Denn so sachlich, ernst, nüchtern wie die deutschen Berichte über die erschütterndsten Siege sind hier alle die Dinge aufgestellt, die einst gegen uns Verwendung fanden. Blut, Blut ist an allen diesen Geräten, hängt als Duft im ganzen Raume. Denn alles ist erbeutet, dem Feinde, wie es in den Berichten heißt, stürmender Hand entrissen, oder auf den Feldern aufgelesen worden, die erst durch verzweifelte Kämpfe in Besitz genommen werden konnten. Aber Blut ist auch an den Dingen, die nicht dem Kampfe selbst angehören, sondern Teile der dem Kampf folgenden Friedensarbeit sind, an den Erlassen, die dies oder jenes bei Todesstrafe verbieten – wie oft mußte sie vollzogen werden, - an den Dokumenten polizeilicher Gewalt im Feindesland, in den Etappen. Darum gehe man in diese Ausstellungen, nicht aus Neugier, nicht aus Wißbegierde, nicht aus Sensation, sondern ernsten, ja bebenden Herzens, wie auf ein eben erkämpftes Schlachtfeld.

          Die Ausstellung umfaßt eine Fülle von Gegenständen aus allen Gebieten des feindlichen Kriegswesens. Wenn auch nicht alle Abteilungen gleich stark, so sind doch alle gut besetzt. Die allerschwersten Geschütze fehlen ganz, aber die belgischen 15-Zentimeter-Haubitzen sehen schon ganz „anständig“ aus. Gehen wir aber noch einmal der Reihe nach herum, so finden wir zuerst einige Abteilungen, in denen ausgerüstete Puppen sämtliche feindlichen Uniformen tragen. Da sieht man die alten und die neuen französischen Uniformen aller Wassergattungen und Militärgrade und selbst ganz Abseitiges wie der Waffenrock eines Majors der Artillerieschule in Versailles fehlt nicht. Auch der Zuave und der Turko, Fes und der neue Stahlhelm sind zu sehen. Und dann folgen die Russen, die Engländer, das Gewehr zum Ausfall in der Hand. Auch die neuen deutschen Uniformen sind zu sehen und alle Farbengrade, die sich unsere bulgarischen Bundesgenossen erwählt haben.

          In der Abteilung der Handfeuerwaffen sieht man die verschiedenen Armeegewehre, die Modelle der kanadischen, japanischen, serbischen Armee, alte Schießprügel mit Stech- und Steinschloß aus den Händen erschossener Franktireure und besonders das englische Armeegewehr M 1, Kaliber 8 Millimeter, in dessen Schieber sich eine Oeffnung befindet zum Abbrechen der Geschoßspitzen – man kennt ja den Zweck. In der Mitte der Halle sind große Geschütze, die Automobile, die Mörser, die Abwehrkanonen, die Schutzschilde, die Wagen für Warmwasserbereitung, die Filtrierwagen, die Patronenkasten. Die Sanitätswagen aufgestellt. Dazwischen besondere Kuriositäten: Russische Bagagewagen zum Transport von Heeresbedürfnissen, vollgestopft mit zerbeulten, wie Papier zerknitterten Trompeten einer ganzen Militärkapelle, dann Personenschlitten, Panzerwagen, Schleudermaschinen, Minenwerfer, Maschinengewehre jeder Art, kurz der ganze Krieg ist hier mit seinen Instrumenten der Vernichtung und des Schutzes.

          Einen friedlichen Teil der Ausstellung bilden die Sammlungen von Drucksachen, Photographien, Orden, Notgeld, Bücher und bildender Kunst. Wahre Schätze sind hier zu sehen, so des Fetra über den heiligen Krieg in arabisch, türkisch und hindostanisch, abgeworfene Briefe feindlicher Flieger, die zur Uebergabe auffordern, der Mobilmachungsbefehl der französischen Regierung und eine Unmenge deutsche Proklamationen an die feindliche Bevölkerung. Die vom belgischen Generalgouverneur herausgegebene landwirtschaftliche Zeitung und die Bekanntmachung eines Etappenkommandeurs gegen Tierquälerei, können wohl nicht als überzeugende Beweise unserer kulturfeindlichen Gesinnung gelten. Die graphische Abteilung ist eine Sonderausstellung des rührigen graphischen Kabinetts J. B. Neumann, das u. a. wertvolle Arbeiten von Pottner und Ernst Oppler enthält. Pottner zeigt einen farbisch sehr frischen und geistreichen Tierzyklus, der unsere Feinde karikiert, Oppler Originallithographen von der Deutschen Südarmee. Sibirische Gefangene in einem Eisenbahnwaggon funkeln von weißem Schnee.

          Im Laufe der nächsten Wochen wird die Ausstellung noch an Zugkraft gewinnen. Das Lichtspieltheater wird Kriegsfilme zeigen. Granatsplitter, Zünder, Schrapnellteile werden verkauft werden und ein Schützengraben ist im Zoologischen Garten ausgehoben, der sich in einem völlig verteidigungsfähigen Zustand befindet. Nun ist also ein Stück Krieg zwischen unseren Häusern, in Sehweite von unseren Cafés, von unseren Weinrestaurants, vom Korso der müßigen Mädchen, ich glaube, so hat es sich niemand von den Feinden und wenige im neutralen Ausland von 18 Monaten träumen lassen.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 14. Januar 2016.

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