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Frankfurter Zeitung 21.02.1919 : Bayerns Ministerpräsident Eisner erschossen

  • Aktualisiert am

Ein Kranz und ein Foto des Opfers an der Stelle, an der Eisner erschossen wurde. Bild: Picture-Alliance

Der polarisierende bayrische Ministerpräsident Eisner ist tot, ermordet von einem jungen Studenten. Somit ändert sich die politische Situation in Bayern erneut.

          München, 21. Febr. Ministerpräsident Kurt Eisner ist heute auf dem Weg zum Landtag an der Ecke der Prannerstraße und Promenadenstraße kurz vor 10 Uhr von einem jungen Menschen erschossen worden. Der Täter wurde von einem Matrosen der Schutzwache durch einen Schuß in den Kopf niedergestreckt. Die Eröffnung der Sitzung des konstituierenden Landtages wurde auf die Nachricht hin um eine Stunde vertagt. Die Leiche Eisners und des Täters, der ein Student Graf Arco-Valley sein soll, wurden in das Ministerium des Äußern gebracht.

          Nach einer Wolffschen Meldung soll der Attentäter Graf Arco-Valley Leutnant sein.

          Wieder hat, nach Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg einer der radikalen Führer, und jetzt wohl ihr hervorragendster, mit seinem Leben für seine Ideen zahlen müssen: Kurt Eisner ist einem Attentat zum Opfer gefallen. Der Mann, der die Revolution in Bayern zum Siege geführt hatte, ist von einem Fanatiker, der ersten Meldung zufolge von einem jungen Studenten, auf der Straße erschossen worden. Seit Wochen schon hat leidenschaftlicher Kampf ihn umtobt. Nun hat der gegen ihn angewachsene Haß sich in einem tödlichen Schusse entladen. Und unabsehbar ist, was daraus folgen wird.

          Als Eisner in der Nacht zum 8. November an der Spitze einer demonstrierenden Münchner Volksmenge das bayerische Landtagsgebäude besetzte, einen provisorischen Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat konstituierte, die Dynastie Wittelsbach für abgesetzt erklärte und für Bayern zuerst unter den deutschen Bundesstaaten die Republik ausrief, da war er einer der populärsten Männer in ganz Deutschland. Und er ist es auch noch Wochen hindurch geblieben, weil bei ihm viel mehr als bei den meisten anderen, die die Revolution mit aller Macht emportrug, der Enthusiasmus für die Ideen der Revolution, die begeisterte Leidenschaft für die junge Freiheit fühlbar war, weil von seiner Person selbst ein Strom von freudiger Hingabe an das Neue, das nun entstehen sollte, ausging. Allmählich allerdings wurden die Schlacken deutlicher sichtbar. Der Schwärmer, der wähnte, daß die Staatsmänner der Entente ebenso von moralischen Erwägungen erfüllt seien, wie er selbst es war, trieb eine selbstständige auswärtige Politik gegen Berlin, die uns nur schadete, statt uns zu nützen.

          Politik gegen Berlin

          Und sein Gegensatz gegen Berlin und gegen das, was er als die politische Methode des Berliner Systems bezeichnete, trieb ihn immer weiter in einen extremen bayerischen Partikularismus hinein, der ihn je länger desto mehr zu einer Gefahr für die Reichseinheit werden ließ. Dazu aber kamen die Schwierigkeiten seiner innerbayerischen Politik. Je extremer er wurde, je mehr die erlange Macht ihn berauschte und ihm die Fähigkeit zur Selbstkritik raubte, desto mehr wuchs der Widerstand gegen ihn im bayerischen Volke, desto mehr aber klammerte er sich an die Macht. Die Wahlen in Bayern brachten ihm und seiner Richtung einen schweren Mißerfolg.

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          Er aber, der in seiner ersten Proklamation vom 8. November so schnell wie möglich eine konstituierende Nationalversammlung einzuberufen versprochen und der in dieser ersten Proklamation sich laut zur Demokratie bekannt hatte, war nun nicht geneigt, sich diesem Spruch des demokratischen Volkswillens zu unterwerfen. Das Rätesystem sollte ihm die Möglichkeit geben, weiter an der Macht zu bleiben. Und schwere Wirren standen in Bayern bevor, da jetzt nach langer Verzögerung der bayerische Landtag zusammentreten sollte und es sich nun entscheiden mußte, wie der Streit zwischen Demokratie und Diktatur beigelegt oder durchgeführt werden sollte.

          Eben noch hatte Eisner bei der Internationalen sozialistischen Konferenz in Bern starke moralische Erfolge erzielt: von ihm hatten die Vertreter der Entente die Töne der Versöhnung der Wahrheit, der radikalen Ueberzeugung gehört, die sie von den Vertretern der Mehrheitssozialdemokratie vergeblich erwartet hatten; so hatte er für die Wiederanknüpfung menschlicher Beziehungen zwischen den von Haß zerrissenen Völkern glücklich gewirkt, und er wäre dabei noch glücklicher gewesen, wenn nicht sein Auftreten in einzelnen gerade die Gegensätze unter den deutschen Sozialisten wieder verschärft hätte, die ihm dafür mit heftigen, vielfach nicht gerechten Angriffen heimzahlten. Nun macht die Kugel des Attentäters alledem ein Ende.

          Und wieder stehen wir vor der entscheidenden Tragik der deutschen Revolution. Wo sind die neuen großen Führer, die sie an die Spitze gebracht hätte? Vergeblich warten wir auf sie und sehen die Gefahr, daß nur neue Stagnation oder neue, schwere Wirrnis entstehe, weil sie ausblieben. Kurt Eisner hätte ein solcher Führer werden können, aber auch sein Weg irrte ab und er ist nun jäh abgebrochen. Wir hatten ihn in vielem zu bekämpfen. Aber das hat uns nie abgehalten, und soll es heute, wo er einem Verbrechen zum Opfer fiel, erst recht nicht tun, das anzuerkennen, was er war: ein Mensch mit seinem Widerspruch, ein Menschen mit seinen Irrtümern, seinen Schwächen und Fehlern, aber, nehmt alles nur in allem, ein Mensch mit einem glühenden Willen zur Wahrheit, mit einem unbändigen Glauben an das, was er für recht und gut hielt, ein Mutiger, der zu Opfern bereit war, ein Besessener der Idee, mit der Kraft des Herzens, auch andere aus dem trüben Materialismus der Zeit herauszureißen zu seinem Glauben und seinen Ideen!

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 22. Februar 2019.

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