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Frankfurter Zeitung 09.02.1918 : Vertrag mit der Ukraine: Der Brotfrieden von Brest-Litowsk

  • Aktualisiert am

Der Vorsitzende der ukrainischen Delegation Sevrjuk erhebt sein Glas auf den Abschluss des Separatfriedens mit der Ukraine. 9. Februar 1918. Bild: Picture-Alliance

Im Rahmen der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk schließt das Deutsche Reich Frieden mit der Ukraine. Deutschland erhofft sich davon Lebensmittellieferungen, die Ukraine militärischen Beistand.

          In Brest-Litowsk ist heute nacht mit den Vertretern der Ukraine der Frieden geschlossen worden. Die öffentlichen Verhandlungen in der alten Russenfeste ließen seit einigen Wochen wenig Hoffnung auf einen gedeihlichen Ertrag aufkommen, da die Führer der russischen Delegation, Herr Trotzkij an der Spitze, ihre nicht auf den Frieden, sondern auf die Entfesselung der Weltrevolution gerichtete Taktik immer rücksichtsloser durchgeführt haben.

          Man braucht sich darüber nicht zu entrüsten, da die Kundgebungen der Petersburger Bolschewiki dieses Vorhaben von Anfang an deutlich genug ausgesprochen haben, viel deutlicher, als es der deutschen Oeffentlichkeit zum Bewußtsein gekommen ist. Neben diesen öffentlichen Verhandlungen wurden aber vertrauliche mit den Delegierten der Kiewer Zentralrada geführt, und das Hauptgewicht lag schon seit einiger Zeit auf dieser Seite.

          Denn die Ukrainer haben sich sofort bewußt auf den Boden der Tatsachen gestellt, der allein die Grundlagen fester Abmachungen tragen kann. Die militärische Lage ist durch die deutschen Siege und durch den furchtbaren Zusammenbruch des alten zaristischen Rußland bestimmt, der als ihre politische Folge betrachtet werden darf. Schon vor 60 Jahren hat der Krimkrieg, der die innere Haltlosigkeit des aufgeblasenen Regimes Nikolaus‘ I. offenbarte, eine schwere Krisis der russischen Zarenherrschaft herbeigeführt. Sie ist aber eine harmlose Episode im Vergleich zu der Erschütterung, in der des Urenkels Thron gestürzt und das alte Rußland in Stücke geschlagen worden ist.

          Die Verantwortung für diese Katastrophe trägt die Vergangenheit; die Männer der Gegenwart haben das Recht und die Pflicht, sich mit den Tatsachen abzufinden. Für die Lenker des neuen ukrainischen Staatswesens wurde dies noch dadurch erleichtert, daß die politische Lage die Nachteile ihrer militärischen Schwächung einigermaßen mildern konnte. Die Mittelmächte erklärten sich zu einem Frieden der Verständigung bereit, und die Unterhändler der bisherigen Gegner durften wohl annehmen, daß das Entgegenkommen auf unserer Seite um so größer sein würde, je schneller sie in die angebotene Hand einschlagen würden.

          Die Verhandlungen mit der Ukraine sind vertraulich geblieben; die Schwierigkeiten, die dabei etwa zu überwinden waren, kennen wir nicht. Die schwierigste Frage bei solchen Unterhandlungen war hier freilich leichter zu lösen als bei der Neuabgrenzung der weiter nördlich gelegenen Gebiete, da die Ukrainer anscheinend auf utopische Pläne von vorneherein verzichteten. Die Erklärungen Czernins ließen anderseits keinen Zweifel darüber bestehen, daß Oesterreich, das allein von all unseren Verbündeten unmittelbar an ukrainisches Gebiet anstößt, keinerlei territoriale Eroberung wünschte, sodaß sich die Wiederherstellung der früheren Grenzen als fast selbstverständliche Lösung ergab. Fraglich konnte nur die Abgrenzung der Ukraine gegen das neue Polen sein; sie bietet auf jeden Fall ein schwieriges Problem, bei dem jede Lösung Anfechtungen ausgesetzt sein wird.

          Bei der politischen Bewertung des Friedensschlusses dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß die Ukraine noch ein werdender Staat, daß manches in ihrem Aufbau noch recht unsicher ist. Der Zerfall des alten russischen Reichs hat eine Lage geschaffen, bei der mit allen Möglichkeiten gerechnet werden muß. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Kiewer Rada aus der Tatsache des Friedensschlusses mit den Mittelmächten ein Zuwachs von Macht und Ansehen im eigenen Land erwächst. Wir hoffen und wünschen das aufs lebhafteste.

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