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Frankfurter Zeitung 01.02.1919 : Warum eigentlich Weimar?

  • Aktualisiert am

Zeitschriftenillustration der Stadt Weimar anläßlich des Versailler Friedensvertrags 1919. Bild: Picture Alliance

Die verfassungsgebende Nationalversammlung wird nicht in der Hauptstadt Berlin tagen. Dafür gibt es mehrere gute Gründe.

          N Berlin, 31. Jan. (Priv.-Tel.) Die Berliner Stadtverordnetenversammlung beschäftigte sich gestern Abend mit der Verlegung der Nationalversammlung nach Weimar. Es lag hierzu ein Antrag der beiden sozialdemokratischen Fraktionen vor, worin gegen die Verlegung nach Weimar schärfster Protest erhoben wurde. Im Laufe der Debatte verlas Oberbürgermeister Dr. Wehrmuth ein Schreiben der Reichsregierung, das die Gründe entwickelt, warum Weimar als Tagungsort gewählt worden ist und nicht Berlin. Es heißt in dem Schreiben u. a.:

          „Der Reichsregierung hat jeder Gedanke ferngelegen, Berlin in seiner Stellung als Reichshauptstadt zu erschüttern. Die Reichsregierung steht fest auf dem Standpunkt, daß auch für die Zukunft schon mit Rücksicht auf die verwaltungstechnischen, wirtschaftlichen und Verkehrsverhältnisse nur Berlin als Reichshauptstadt in Frage kommen kann. Es war auch nicht maßgebend die Furcht vor der spartakistischen Gewalt; die Möglichkeit, daß ein kleiner Haufen fanatischer Menschen eine vorübergehende Störung herbeiführen kann, besteht schließlich überall. Wir hoffen aber, daß die getroffenen Maßnahmen ausreichend sein werden, um die Nationalversammlung vor Störungen zu schützen.

          Entscheidend für den Beschluß der Reichsregierung war im wesentlichen die Erwägung, daß ein Ort gewählt werden muß, der allen Teilen des deutschen Volkes das Bewußtsein gibt, daß nicht nach dem Muster des alten Deutschland die Wünsche und Interessen eines Staates einen überragenden und für die Gesamtheit nicht förderlichen Einfluß ausüben können. Die Regierung hält die Möglichkeit zwar jetzt nicht mehr für gegeben; es ist aber mit der Tatsache  des Vorhandenseins der Antipathie gegen Preußen und Berlin besonders in Süddeutschland zu rechnen. Die Regierung ist von dem Wunsche geleitet, jedes Mißtrauen aus der Arbeit der Nationalversammlung auszuschalten, und hofft, daß dann um so eher Berlin in der ihm gebührenden Stellung für die Zukunft befestigt werden wird.“

          Von den Rednern aller Fraktionen, sowohl der bürgerlichen wie der beiden sozialdemokratischen, wurde in der Besprechung jeder Gedanke der Zerstückelung Preußens mit großer Entschiedenheit abgelehnt. Das Ergebnis der Ansprache war die Annahme eines Antrages, bei den zuständigen Reichs- und Staatsbehörden erstens nochmals nachdrücklich auf Einberufung der deutschen Nationalversammlung nach der Reichshauptstadt Berlin, unter Hervorhebung der Unzuträglichkeiten der Tagung in Weimar, zu dringen, zweitens gegen jede Zerstückelung Preußens und Beseitigung Berlins als dessen Hauptstadt mit Entschiedenheit vorstellig zu werden.

          *

          N Berlin, 31. Jan. (Priv.-Tel.) Die erste Sitzung der Nationalversammlung am 6. Februar mittags 1 Uhr wird zunächst unter einem Alterspräsidenten tagen. Als solcher wird vermutlich der bisherige Reichstagsabgeordnete Wilhelm Pfannkuch, der im Jahre 1841 in Kassel geboren und jetzt als Kandidat der sozialdemokratischen Partei im 3. Wahlkreis gewählt worden ist. Die Mitglieder der Nationalversammlung werden für die Dauer ihrer Anwesenheit in Weimar Tagesgelder erhalten. Die Ernährungsfrage ist insoweit geregelt, als vom 2. Februar an für alle aus Anlaß der Nationalversammlung in Weimar anwesenden Personen ein vereinbartes Kartensystem eingeführt wird.

          N Berlin, 31. Jan. (Priv.-Tel.) In einer Besprechung der Aufgaben der Nationalversammlung hebt die „Germania“ hervor, daß es dringend notwendig sei, aus dem gegenwärtig allzu einseitigen parteipolitischen Regierungssystem herauszukommen. Die Sozialdemokratie habe sehr gesündigt, und die Folge davon sei, daß wir heute noch keinen Präliminarfrieden hätten, zu dem unsere Feinde anfangs bereit gewesen wären. Deshalb müsse nun auch die Nationalversammlung, die Vertretung des souveränen deutschen Volkes, sofort ein Verfassungsprovisorium schaffen, um wieder gutzumachen, was die Sozialdemokratie bisher schwer gesündigt habe. Es gehe auch nicht an, den Reichspräsidenten aus der Sozialdemokratie zu entnehmen, da nach den Erfahrungen der Revolutionszeit das Vertrauen zur Sozialdemokratie als Regierungsmacht über die Grenzen der sozialistischen Parteianhängerschaft kein Jota hinausreiche.

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