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Frankfurter Zeitung 26.01.1919 : Dolchstoß oder militärisches Versagen?

  • -Aktualisiert am

Hindenburg und Ludendorff nach der Schlag bei Tannenberg in 1914. Bild: Picture-Alliance

Warum verlor Deutschland den Krieg wirklich? Wäre der Sieg möglich gewesen, hätte das Heer nur weitergekämpft? Major Paulus ist anderer Meinung.

          „Die deutschen Heere sind nicht geschlagen, sie sind dem Erschöpfungskrieg im Innern erlegen.“ Diese Aeußerung, die vielfach zu hören ist, kann nicht unwidersprochen bleiben, denn sie kann und muß mißverstanden werden in dem Sinne, daß lediglich der Zusammenbruch in der Heimat Ludendorff gezwungen habe, die bekannte Forderung an den Reichskanzler Ende September zu stellen, unverzüglich Waffenstillstandsverhandlungen einzuleiten. In diesem Sinne ist jene Auffassung irrig und irreführend.

          Bekanntlich befand sich die deutsche Feldarmee auf der nördlichen Fronthälfte des westlichen Kriegsschauplatzes damals auf dem Rückzuge in eine neue Widerstandslinie Antwerpen – Brüssel – Namur – Diedenhofen – Metz. Es ist nun behauptet worden, in dieser verkürzten Front hätte das deutsche Feldheer, fast geradlinig versammelt, in einer Linie Antwerpen – Mühlhausen auch großer Übermacht noch länger Widerstand erfolgreich leisten können. Die Vermutung liegt nahe, daß dem obigen Satze ein ähnlicher Gedankengang zu Grunde liegt.

          Meine Meinung geht dahin, daß mit der Nötigung, auf die Linie Antwerpen – Metz zurückgehen, Ludendorff – also das deutsche Westheer – bereits geschlagen war. Und zwar endgültig. Die Jahre lang gehaltene Linie Ostende – Reims – Pont à Mousson mit dem Schulterpunkt in Reims war das strategische Ergebnis der Deutschen Offensive durch Belgien und der Gipfelschlachten dieser Offensive an der Marne und Aisne im Herbst 1914. Sie war als Kompromiß hervorgegangen aus dem mißlungenen deutschen Angriff und dem ebenso mißlungenen Gegenangriff Joffres. Beide Aktionen hatten operativ nur negative Erfolge. Daß diese Kompromiß-Front, zu ungunsten der deutschen Kriegslage, eine Front – im engeren Sinn – (Ostende – Reims) und eine Flanke Reims-Pont in Mousson) besaß, war genau so ihr operativer Nachteil, wie in der Sadorna-Stellung am Isonzo ähnliche Verhältnisse den Zusammenbruch von Kafreit herbeigeführt haben. In beiden Fällen trat dieser operative Nachteil solange nicht in die Erscheinung, als kein Angreifer die Kraft besaß, ihn auszunützen. Hier wie dort hat dieser Schwebezustand Jahre lang angedauert. Diese Tatsache ändert aber nichts an der andauernden operativen Gefahr eines feldzugentscheidenden Angriffes auf die gefährdete Flanke. So war es am Isonzo und so ist es in Nordfrankreich gekommen.

          Der Ludendorff-Angriff (März-Juli 1918) war vielleicht weniger ein Durchbruch-Versuch, als ein Ausfall großen Stiles, wie man ihn im Kleinen im Festungskriege als sogenannte Aktiv-Verteidigung von jeher kannte. Ob er eine Präventiv-Rolle spielen sollte, wird die spätere Gesichtsschreibung ergeben. Jedenfalls ist seine strategische Auswirkung in demselben Augenblick beendet gewesen, als es an Kampfmitteln fehlte, ihn durch weitere Nährung von rückwärts fortzusetzen. Hieran aber trug nicht die Heimat die Schuld, wie später nachzuweisen sein wird.

          In demselben Augenblicke aber, in welchem der Gegner dazu übergehen konnte, nicht nur die Flanken und Facen dieser vorgetriebenen Offensiv-Bastionen anzufallen, sondern gleichzeitig die große Armeeflanke Reims-Pont à Mousson mit überlegenen Kräften einzustoßen oder auch nur zurückdrängen, war nicht nur die Ludendorf-Offensive des Jahres 1918 verloren, sondern die deutsche Offensive des Jahres 1914 trat nun in jene Phase ein, aus der sie im Spätherbste 1914 gerade noch gerettet werden konnte: Diese Offensive war jetzt endgültig verloren. Das 1914 unterbrochene Drama hat sich zwischen Juli und September 1918 in einem vier Jahre später angereihtem Akte erfüllt. Auch das Hindenburg-Programm hat darüber nicht weghelfen können. Hiermit war der Krieg operativ verloren und deshalb hat Ludendorff seinen Antrag auf Einreichung eines sofortigen Waffenstillstandsgesuches einreichen müssen und nicht weil „die deutschen Heere dem Erschöpfungskriege im Innern erlegen sind“.

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