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Frankfurter Zeitung 06.12.1918 : „Die Revolution ist unökonomisch“

  • Aktualisiert am

Eine Arbeiterin in einer Munitionsfabrik bei der Herstellung von Granaten. Foto von 1915. Bild: Picture-Alliance

Der Krieg ist zu Ende, die Wirtschaft strauchelt. Wie soll es weiter gehen? Nicht nur der neue Achtstundentag stellt Arbeitgeber und -nehmer vor Probleme.

          Im Frühjahr dieses Jahres sprach in dem Reichstagsausschuß, der sich mit den Problemen der Uebergangswirtschaft befaßte, der Vertreter des Reichswirtschaftsamts gegen einige sehr optimistische Beurteiler den warnenden Satz: es könne sehr wohl sein, daß die härteste Zeit, die wir erleben müssen, die erste Zeit nach Friedensschluß sein werde. So ernst war (mit gutem Grunde) die Auffassung im Augenblicke höchsten militärischen Erfolges, als vielen die glückliche Beendigung des Krieges nahe und den meisten zum mindesten ein guter Ausgleichsfriede gesichert schien, als den jetzigen katastrophalen Zusammenbruch noch niemand ahnte – daß die Wirtschaft beim Friedensschluß (bei jedem Friedensschluß!) aufs äußerste bedroht sein würde, war schon damals klar erkennbar.

          Daran zu erinnern, mag heut nützlich sein. Denn in der Tat ist die Wirtschaftslage in den letzten Wochen sehr ernst geworden: die Börse hat Kursstürze von einem ganz unerhörten Ausmaße erfahren, die Aktien der Industrie-Unternehmungen sind ausnahmslos um 100, um 200 Prozent und noch mehr gesunken, vielfach auf weniger als die Hälfte ihres Kursstandes von Ende August, sodaß also alle darin angelegten Vermögen bilanzmäßig eine riesenhafte Entwertung erfahren haben, die, auch zum Schaden der Reichskasse, in vielen Fällen von den Kriegsgewinnen, die wir gerne eingezogen hätten, nicht mehr viel übrig lassen wird; davon ausgehend hat sich die Panik auch weiteren Geschäftskreisen mitgeteilt: die Bewertung der deutschen Valuta im Auslande ist weiter tief gesunken; im Inlande werden Aufträge vielfach zurückgezogen, Neubestellungen unterlassen, und wenn nicht kühle Besinnung und ruhiges Urteil schnell wieder siegen, so könnte sich das noch zu einer ganz ungeheuren Bedrohung unserer wirtschaftlichen Existenz auswachsen, die dann auch politisch eine ungeheure Bedrohung werden könnte – und das sogar zum Teil schon ist, weil eben über die Zusammenhänge von Kriegsausgang, Revolution und Wirtschaftsleben offenbar vielfach sehr irrige Auffassungen herrschen.

          Es ist kein Zweifel, daß auch die Revolution ein „unwirtschaftlicher“ Vorgang ist; sie kann nicht so schnell und sicher, wie es der ordnungsliebende Bürger wünschte, alles am Schnürchen sich abwickeln lassen, und sie tut es auch nicht. Sie vergeudet Geld und Güter: wenn sie phantastische Diäten an Schreibmaschinenfräuleins und Auslaufer von Revolutionsbureaus auszahlt, wenn sie beschlagnahmte Militärgüter ausstreut oder gar bisher behütete Lager plündert und anderes mehr. Nicht sehr imponierend zwar ist die Auffassung, die nach solchen Dingen ihr Urteil über die Revolution bestimmt: denn was an ihr groß und gewaltig ist, wird dabei so wenig erfaßt wie das, was an ihrer Führung schlecht ist: der politische geistige Gehalt der Revolution, der uns zu einer neuen Gesellschaft des Rechts und der Selbstbestimmung führen soll, so wenig wie die Schwäche der Berliner (und Münchener!) Zentralregierung, die sie bisher zu wirklich politischer Leistung und Leitung in verhängnisvollem Maße unfähig machte.

          Wirtschaftliche Not durch Krieg

          Immerhin: die Revolution ist unökonomisch, ganz trivial ausgedrückt, sie kostet uns Geld. Aber das hat das alte Regime, das den Krieg geführt hat, auch und in ganz ungeheuerlichem Umfange getan, obgleich es da viel leichter zu vermeiden gewesen wäre, denn da waren die geübten Kräfte dafür da. Ist es nötig, heute noch an die Werte zu erinnern, Lebensmittel und Material aller denkbaren Art, die während des Krieges im Felde, in der Etappe, in der Heimat durch Gleichgültigkeit, durch Unachtsamkeit, durch Mutwillen zu Grunde gingen oder vergeudet wurden? Ist es nötig, die Milliarden frevelhaft ausgestreuter Kriegsgewinne noch einmal zu nennen? Nein, das alte Regime war so verschwenderisch wie das neue.

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