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Frankfurter Zeitung 07.09.1918 : Die Zentralmächte beraten über Polens Unabhängigkeit

  • Aktualisiert am

Die verbrannte Weichselbrücke bei Warschau - Fotopostkarte aus dem Jahr 1915. Bild: Picture-Alliance

Wie soll es weiter gehen mit Polen? Das Schicksal des deutschen Nachbarn ist ungewiss.

          W. K. Warschau, Ende August.

          Bei jedem Versuch, die polnische Frage ihrer abschließenden Regelung näher zu bringen, ergibt sich immer von neuem und immer dringlicher die Notwendigkeit, daß zunächst einmal der Streit um die austropolnische Lösung beigelegt werde. Die Polen selbst sind in ihrer Stellungnahme zu dieser Frage zwiespältig und schwankend. Durchaus in erster Linie steht für sie die Rücksicht auf den Anschluß Galiziens an den polnischen Staat, und der lässt sich zweifellos am einfachsten erreichen, wenn Polen mit dem Habsburger-Reiche verbunden wird. Es fehlt indes nicht an Strömungen, die – aus sehr verschiedenen Gründen – einem Eintritt Polens in die Donaumonarchie widerstreben und sie sich darin auch durch den Gedanken an Galizien nicht beirren lassen; man rechnet hier nämlich vielfach damit, daß irgend eine engere Beziehung Galiziens und Polens sich in jedem Falle, wenn nicht sofort so doch in naher Zukunft durchsetzen werde.

          Eben aus diesem Grund ist die Frage der austropolnischen Lösung für Oesterreich, wie man anerkennen muß, eine Angelegenheit erster Ordnung. Denn der Verzicht auf diese Lösung bedeutet für Oesterreich zum mindesten eine Lockerung der Verbindungen mit Galizien, und wenn es dem österreichischen Staate an sich schon schmerzlich sein muß, seinen Einfluß auf ein wirtschaftlich so entwicklungsfähiges und militärisch so wertvolles Gebiet wie Galizien aufs Spiel zu setzen, so wird ihm ein solcher Schritt doppelt erschwert durch die Rückwirkungen die er auf die gesamte innerpolitische Entwicklung des übrigens Österreichs möglicherweise ausüben könnte. Es müssen schwerwiegende Gründe sein, die Deutschland veranlassen, dem ungeachtet seinem Bundesgenossen die Zustimmung zur austropolnischen Lösung zu versagen.

          In der Tat sind die Bedenken, die vom deutschen Gesichtspunkt aus der Angliederung Polens an Oesterreich entgegenstehen so handgreiflich, daß man auch in Wien und Budapest den Einspruch Deutschlands verständlich finden wird. Als der weitaus stärkste Faktor der vergrößerten Donaumonarchie würde Polen aller Voraussicht nach bis zu einem gewissen Grade das gesamte Habsburgerreich in den Dienst seiner Aspirationen stellen, die in diesem Falle sehr weitschweifend sein könnten, ohne phantastisch zu werden. Es kommt hinzu, daß Polen nach der vorläufigen Ausschaltung Rußlands eine sehr erhöhte Anziehungskraft auf die kleineren slawischen Nationalitäten auszuüben beginnt, daß ihm die Rolle der slawischen Vormacht zuzufallen scheint. In Laibach hat vor einigen Wochen ein südslawischer Kongreß stattgefunden, auf dem polnische Vertreter aus Galizien erschienen, sich mit den südslawischen Wünschen solidarisch erklärten und überschwenglich gefeiert wurden.

          Eine gewisse Freiheit waren

          Haben die Vorgänge der letzten Wochen die Meinungsverschiedenheit, die in der polnischen Frage zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn besteht, einer Ausgleichung näher gebracht? Man scheint in Berlin damit zu rechnen, daß Graf Burian (oder eventuell sein Nachfolger) sehr bald von der austropolnischen Lösung absehen und sich mit Deutschland und Polen über eine andere Regelung der Frage – praktisch gesprochen: über eine nicht staatsrechtliche, wohl aber wirtschaftliche, militärische und diplomatische Verbindung Polens mit den Zentralstaaten und speziell mit Deutschland – verständigen werde.

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