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Frankfurter Zeitung 30.12.1918 : Deutschlands nationale Ehre behalten

  • Aktualisiert am

Deutsche Soldaten auf dem Feld. Bild: Picture-Alliance

Der Krieg ist zwar zu Ende - Deutschland aber trotzdem in der Pflicht, auswärtige Politik zu machen. Trotz innerer Umschwünge muss die Nation zusammenstehen.

          Frankfurt, 30. Dezember. Die Unruhe und Unfestigkeit, in der sich unsere inneren Gewalten befinden, und die Kämpfe, die geführt werden, um eine neue Staatsgewalt aufzurichten, haben uns fast vergessen lassen, daß Deutschland nicht für sich allein auf der Welt ist, daß diese Revolution eine Wirkung des furchtbarsten der Kriege ist, den die Welt gesehen hat, daß dieser Krieg noch gar nicht beendigt ist, und überhaupt, daß Deutschland durch den 9. November keineswegs davon befreit worden ist, eine auswärtige Politik zu machen. Es ist beinahe ein Glück für uns, daß unsere Feinde uns an diese erste Pflicht der Nation, ihre Einheit und Selbstständigkeit nach außen hin zu behaupten, durch Worte und Taten erinnert haben. Es geht nicht an – und andere Völker haben uns gezeigt, wie man es vermeidet -, über der inneren Umwälzung die nationale Ehre preiszugeben und uns, weil in Berlin Matrosen und Spartakusleute die wilden Männer des ehemaligen preußischen Wappens mimen, und Deserteure in Massenversammlungen schamlos Deutschlands Unglück demonstrieren, um unsere Grenzen nicht mehr zu kümmern. Was im Osten und Westen – und auch der deutsch-österreichische Süden geht uns heute mehr als je zuvor an – geschieht, drängt uns die Erkenntnis auf, daß es um Deutschland und die deutsche Nation als Ganzes geht, und daß die Fragen der inneren Ordnung der neuen Republik nicht beantwortet werden können, ohne daß zuvor die andere nach unserem Schicksal als Nation beantwortet ist.

          Es sind heute drei Tatsachen, die uns unsere Beziehungen und unsere Abhängigkeit vom Ausland deutlich machen. Wir hören, daß General Rudant als Vertreter des Oberkommandierenden Foch erklärt hat, er müsse es ablehnen, mit „radikalen Elementen“, worunter die Unabhängigen verstanden wissen wollte, zusammenzuarbeiten. Die neue Regierung hat in ihrem Aufruf an das deutsche Volk vor aller Welt festgestellt, daß gerade jetzt vom General Foch zum ersten Male die unzweideutige Aeußerung vorliege: „Mit einer bolschewistischen Regierung verhandeln wir nicht.“ Es kann kein Zweifel mehr an dieser Aeußerung bestehen. Schließlich meldet auch der halbamtliche Reuter aus England, daß man dort mit Unbehagen sich vorstelle, im Falle des Obsiegens der terroristischen Elemente selbst in Deutschland Ordnung schaffen zu müssen.

          Auch vom Präsidenten Wilson wird eine ähnliche Aueßerung aus Paris berichtet: Die deutsche Regierung müsse sich darüber klar sein, daß sie Demokratie, nicht Anarchie wolle. Die Mitteilung, die vom „Vorwärts“ gebracht wird, erscheint durchaus glaublich. Sie enthält auch gleichzeitig noch die für uns erfreulich klingende Aueßerung Wilsons, Amerika werde nie dulden, daß Frankreich das linke Rheinufer an sich reiße, und deutsches Land müsse deutsch bleiben. Das entspricht dem bekannten Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten, und man hat keinen Grund, daran zu zweifeln, daß er dieses Programm auch jetzt noch aufrecht erhält. Nur wissen wir, daß sehr weitgehende französische Bestrebungen gerade nach dem Ziel laufen, das Herr Wilson ablehnt, und unsere Geschichte lehrt uns schmerzlich, daß diese Bestrebungen unserer Nachbarn Jahrhunderte alt sind.

          Die Gefahr aus der inneren Kraftlosigkeit

          Aehnliches aber, wie die Franzosen im Westen, streben die Polen im Osten, die Tschechen im Südosten, die Italiener jenseits des Brenner im deutschen Südtirol an. Präsident Wilson sagt, wie wir es sagen: Deutsches Land muss deutsch bleiben. In der Stadt Posen aber, die zwar bis vor hundertfünfundzwanzig Jahren zum Königreich Polen gehört hat, heute aber, wenn auch von einer polnischen Mehrheit bewohnt, doch in ihrem Charakter eine deutsche Stadt ist und innerhalb der durch den Waffenstillstand anerkannten Grenzen der Republik Preußen liegt, werden deutsche Soldaten, die ihrer Pflicht gemäß im Besitze von Waffen gefunden werden, von den Polen standrechtlich erschossen, und die Vertreter der Entente, von denen man nicht begreift, was sie in Posen zu suchen haben, brechen mit dem preußischen kommandierenden General die Verhandlungen ab, weil dieser die ganz unbestreitbare völkerrechtliche Feststellung macht, daß man doch hier auf preußischem Boden stehen und daher die Fahnen der Entente einstweilen landesfeindliche Demonstrationen seien. Wir sehen, daß weder die Polen noch die Vertreter der Entente den bestehenden Rechtszustand achten, sondern, da Deutschland nach ihrer Meinung hilflos am Boden liege, gewaltsam zu nehmen versuchen, was ihnen rechtmäßig erst der Friede zusprechen könnte.

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