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Frankfurter Zeitung 23.11.1917 : Engländer setzen Panzer ein - deutsche Truppen zurückgedrängt

  • Aktualisiert am

Britische Panzer in Frankreich, 1917. Die Schlacht von Cambrai war die weltweit erste große Panzeroffensive. Bild: Picture-Alliance

An der Westfront greift die dritte Armee der Engländer an - auch mit Panzern. Die deutschen Truppen werden zurückgedrängt, es gibt Gefangene.

          Es ist für die Gesamtlage bezeichnend, daß es einer Angriffsschlacht großen Stils bedurft hat, um an der Westfront einen Zwischenfall zu verursachen. Die Fronten sind dort so stabil, die Reserveanhäufung und –Verteilung so vorsichtig, daß selbst ein so bedeutendes und überraschendes Unternehmen wie der plötzliche Ansturm der gesamten dritten Armee der Engländer nicht mehr erzielen konnte als eine vorübergehende lokale Störung.

          Der Einbruch ist geglückt, aber eine operative Auswertung des unbestreitbaren und immer hin beträchtlichen taktischen Erfolgs ist bis jetzt nicht eingetreten und nicht zu befürchten.

          Fühlte sich Marschall Haig bei Ypern dem Enderfolg wirklich so nahe, als er vorgibt, so wäre es unsinnig gewesen durch eine zweite Offensive vor Cambrai die Angriffskraft zu zersplittern. Wenn er nun im entscheidenden Augenblick, da er nicht nur die moralische Verpflichtung fühlte, sein Bestes für die Entlastung der Italiener zu tun, sondern auch glauben mochte, die deutsche Westfront sei zu Gunsten des italienischen Feldzugs geschwächt, die „Chance von Passchendaele“ nicht voll ausnützte, sondern mit bemerkenswerter Schnelligkeit des Durchbruchsversuch bei Cambrai begann, so liegt das wohl in erster Linie daran, daß er die „erschütterte“ flandrische Front der Deutschen im Grund seines Herzens immer noch für ungewöhnlich stark hält. Der Angriff bei Cambrai beweist: Die Versteifung auf die Dauerschlacht bei Ypern legt die englische Armee zwecklos fest und verhindert sie, sich plötzlich bietende Möglichkeiten an anderer Stelle voll auszunutzen.

          Haig sah ohne Zweifel eine solche Möglichkeit zwischen Arras und St. Quentin, wenn auch vielleicht irrtümlich; wir kennen die Einzelheiten nicht. Auf jeden Fall war in dem Augenblick eine strategische Chance vorhanden, als der plötzliche Ansturm südwestlich von Cambrai die vordersten deutschen Stellungen überrannte. Nach englischer Meldung war es eine Ueberumpelung: die Infanterie begann ihre von Tanks unterstützten Waffenstürme ohne die übliche Artillerievorbereitung. Sei es nun, daß der drohende Sturm nicht rechtzeitig erkannt werden konnte, oder daß irgend ein Umstand, den wir nicht kennen, die Absicht der Engländer begünstigt hat: der Anschlag gelang und die vordersten Linien der Deutschen wurden in ziemlich breiter Front eingedrückt –der Augenblick war da, in dem die englische Oberleitung den höchsten Einsatz wagen mußte, um einen Durchbruch und die operative Ausnutzung der Lage zu erzielen.Hier scheiterte die englische Führung oder ihre Truppen – es gelang den Deutschen, deren Reserven herangeworfen wurden, die Einbruchsstellen abzuriegeln.

          Woran der Feind scheiterte, ist mit Bestimmtheit noch nicht zu erkennen; offenbar hatte er sehr starke Kräfte rechtzeitig konzentriert, aber eine andere Frage ist, ob die englische Führung bei einem gelungenen Durchbruch sich nicht plötzlich einer Situation gegenüber gesehen hätte, der sie geistig durchaus nicht gewachsen wäre. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen der Ausdehnung oder Vorbereitung eines taktischen Waffenbruchs und der strategischen Entscheidung auf Grund einer völlig neu geschaffenen Situation. Es mag uns genügen, daß der mächtige Gegenstoß der deutschen Infanterie überall die Lage rasch hergestellt hat. Gelände und Material gingen verloren und der Feind machte Gefangene; Ziffern wurden bisher noch nicht genannt.

          Die Angriffsfront mißt in der Luftlinie etwa 30 Kilometer. Das Zentrum liegt bei Marcoing (7 Kilometer südwestlich von Cambrai), einem Straßenknotenpunkt, bei dem die von Péronne und Bapaume heranführenden Eisenbahnlinien sich vereinigen und über den Kanal de l‘Escaut nach Cambrai laufen. Der genannte Frontabschnitt, dessen linker Flügel (Bullecourt!) schon früher der Schaupatz großer englischer Angriffe war, gehört zum Befestingsgebiet der Siegfriedstellungen. Schon daraus ergibt sich, daß das strategische Glück der Deutschen nicht an den Besitz der Dörfer und Gräben gebunden war, die wir verloren haben.

          Trotzdem ist es bedauerlich, sorgfältig ausgebaute Stützpunkte nicht mehr zu besitzen. Die Engländer melden, im Zentrum 6 bis 8 Kilometer vorwärts gekommen zu sein; das ist wohl nicht ganz unparteiisch gemessen. Die Hauptsache melden sie aber begreiflicherweise nicht, daß sie nämlich ein aussichtsreicher Einbruch mindestens bis zu dem Verkehrszentrum Cambrai hätte führen müssen. Da dies nicht geschehen ist, bleibt das bisherige Ergebnis: das Zentrum hat sich teilförmig einige Kilometer vorgeschoben, während die Flügel zurückblieben. In dieser Situation „steht die Schlacht“. – Der gleichzeitige Angriff der Französen gegen den östlichen Flankenraum des Chemin des Dames führte zu keinem nennenswerten Ergebnis.

          Irgend welcher Einfluß auf die Operationen der Verbündeten in Venetien kommt den Ereignissen im Westen nicht zu – sie beeinflussen ja nicht einmal die übrigen Abschnitte der Westfront.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 26. November 2017.

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