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Frankfurter Zeitung 22.11.1916 : So trauert Österreich um Kaiser Franz Joseph

Kaiser Franz Joseph I. auf dem Sterbebett,1916 Bild: Picture-Alliance

Im Alter von 86 Jahren stirbt Franz Joseph I. nach 68 Jahren Regentschaft an einer Lungenentzündung. Ein Nachruf der Frankfurter Zeitung am 22. November 1916.

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          Wien, 21. Nov. (W.B.) Eine Extra-Ausgabe der kaiserlichen "Wiener Zeitung" meldet, daß Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät Franz Josef I. heute, 21. November 19 Uhr abends im Schloß Schönbrunn sanft im Herrn entschlafen sind.

          Ein Leben, das nicht nur durch seine Dauer, sondern auch durch seinen ungewöhnlich starken und bewegten Inhalt ausgezeichnet war, ist durch den Tod des Kaisers Franz Josef beendigt worden. Der älteste unter den heutigen Monarchen ist mit ihm dahingegangen. Wenige unter den früheren Herrschern großer Staaten haben ein längeres Leben geführt, keiner hat so lange regiert wie er.

          Selbst die vierundsechzigjährige Regierungszeit der Königin Viktoria von England bleibt hinter der seinigen zurück. Aber während England in etwas gesuchter Parallelisierung mit der Regierung Elisabeths von einem viktorianischen Zeitalter reden kann, wird man in der langen Zeit, in welche die Regierung Franz Josefs fällt, schwerlich den einheitlichen Charakterzug suchen, der die Berechtigung gäbe, von einer Epoche österreichischer Geschichte zu reden, die von der Regierung dieses Monarchen bestimmt worden sei. Und doch haben die Ereignisse, die in diese Regierung fallen, auf diese Geschicke des Habsburgerreiches in einem Grad eingewirkt, wie nur wenige Kronenträger dieses Reiches, in dem einst die Sonne nicht unterging. Vom vormärzlichen Absolutismus bis zum allgemeinen Wahlrecht, vom zentralistischen Kaiserstaat zum Dualismus und weiter durch die Autonomie Galiziens zu Formen, die in sich schon die Anfänge zu einer weiteren Föderalisierung zu tragen scheinen, vom deutschen Bundesstaat, der die Führerschaft in Deutschland forderte, zu einem Reich, in dem das Deutschtum eine sich im seinen Besitzt wehrende Minderheit ist und dessen Schwerpunkt weit von den Grenzen Deutschlands weggerückt ist, von einer scheinbaren Erbgegnerschaft gegen Preußen zu einer mit dem neuen Deutschland auf Gedeih und Verderb aufs engste verbundenen Kampfgenossenschaft, von der Herrschaft über Italien, die dessen Feindschaft im Gefolge hatte, zu einer wenn auch nur aus politischer Vernunft erwachsenen Bundesgenossenschaft mit dem neuen Staat, aus der Stellung eines Schützlings des Zarentums zu dessen bitterstem Haß: das waren die Wege, die in diesen 68 Jahren Oesterreich durchlief. Aber nirgends verliefen sie geradlinig. Dem allgemeinen Wahlrecht folgte der Paragraph 14, dem Dualismus arbeitete ein zeitweise zurückgetretenes, aber immer wieder auf zukünftige Entwicklungen sich vertröstendes Großösterreichertum entgegen, während von der anderen Seite ein unbelehrbarer magyarischer Separatismus an den Grundmauern der neuen Form herumwühlte und bohrte; auch das Verhältnis zu Deutschland, Italien, zum Balkan und demgemäß zu Rußland war in der langen Zeitspanne, die für diese Gestaltungen in Betracht kommt, nicht ohne Schwankungen und Ablenkungen, und was besonders Italien angeht, so ist die Treulosigkeit dieses Bundesgenossen in dem Augenblick, da der Bund sich erproben sollte, über die Politik dreier Jahrzehnte mit einem nassen Schwamm hinweggefahren.
          Das Lebensende dieses Herrschers sieht auf keinem Gebiete eine fertige Schöpfung, sondern überall neue Gestaltung, ernste Fragen an die Zukunft, aber auch Verheißungen für einen glücklichen Aufbau und neue Lebensmöglichkeiten der Staaten und Völker, und auch der Weltkrieg, dessen Ursprung am Südosttor Oesterreich-Ungarns lag, ist zwar gleichfalls noch in der Bewegung, aber doch so sehr zu Gunsten der mitteleuropäischen Möchte und ihrer Verbündeten entschieden, daß auch der neue Feind, der sich auf Kosten Oesterreich-Ungarn zu bereichern suchte, den Wagebalken nicht mehr zu Gunsten unserer Feinde herumzureißen vermochte.

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