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Frankfurter Zeitung 29.06.1919 : Es braucht einen neuen Deutschen

  • -Aktualisiert am

Ein Bild der „alten Deutschen“? Studentenkorp der Technischen Hochschule Berlin (heute TU) um 1910 Bild: Picture-Alliance

Die Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg erfordern eine neue Definition der Deutschen. An die Stelle des „feudalen Menschen“ soll der „höflich-freundliche Mensch“ treten.

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          Die Konsequenzen müssen gezogen werden. Es ist gar nichts damit getan, wenn wir nur unsere Einrichtungen ändern; die Sitten müssen geändert werden. Aus geänderten Sitten muß ein andere Mensch entstehen, der neudeutsche Mensch. Wir stecken noch im alten.

          Vor einigen Tagen fand auf der Rampe der Wiener Universität eine Kundgebung gegen den Gewaltfrieden statt. Professoren und deutschnationale, farbentragende Studenten hielten feurige Reden gegen die angedrohte Schmach. Auch ein sozialdemokratischer Student wollte im Namen der sozialistischen Kollegen eine Erklärung abgeben. Die Deutschnationalen hörten ihn gar nicht an, sondern warfen in und einige ihm beistehende Genossen kurzerhand über die Rampe. Die das taten, hielten sich für echte, zeitgemäß Deutsche. Sie waren aber recht unzeitgemäße Deutsche und haben der deutschen Sache unmeßbaren Schaden getan. Sie haben der Verleumdung, mit der man uns in der ganzen Welt zu ächten versucht, daß wir kein Recht kennen und nur der Gewalt vertrauen, neue Nahrung geliefert. Der sozialdemokratische Student wollte gleichfalls gegen den Gewaltfrieden protestieren. Aber sie hörten ihn gar nicht an. Er paßte ihnen nicht, weil er ein Sozialdemokrat war. Und sie fielen zu Hunderten über ein halbes Dutzend Anderesartiger her... Deutsche Schandbuben.

          Wir dürfen nicht mit duldsamen Lächeln über solche „jugendliche Heißblütigkeit“ hinwegsehen. Der Mensch, der sich hier offenbarte, dessen Keim in uns allen steckt, muß mit der Wurzel ausgerottet werden. Wir sind das unserem gegeben Worte, unserer Ehre schuldig. Wir haben uns auf den Rechtsboden der vierzehn Punkte gestellt. Wir haben das von Wilson verleugnete Programm auf unsere Fahne geschrieben und uns damit an die feindlichen Völker gewendet. Nicht an ihre Regierungen. Wir haben mit den Unterdrückten aller Völker einen Bund geschlossen und ihnen versprochen, daß ihre Wünsche und Forderungen unsere Verfassung sein werden, daß wir ihnen vorangehen wollen in der Verwirklichung der Menschlichkeit. Das ist künftig unsere nationale Ehre, unsere Mission, unsere Hoffnung. Weh, wenn wir die uns Vertrauenden enttäuschen. Dann geht der deutsche Name wirklich unter. Das wollen auch diejenigen nicht, die jetzt in Gewalttaten der Empörung über die des Nation angedrohte Schmach Luft machen. Sie wissen nicht, was sie tun; sie handeln reizmäßig aus ihrer alten Seele heraus. Sie müssen aufgeklärt werden, daß unser Wort verpfändet ist für die Aenderung dieser alten Seele, nicht bloß der alten Verfassung.

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          Die alte Verfassung beruhte auf der faktischen (nicht rechtlichen) Gewalt. Weniger über Ziele, auf der persönlichen Tauglichkeit der Wenigen zur Gewaltausübung, auf dem Typus des militanten, jeden Widerstand schon durch Miene und Gehabe niederwerfenden, junkerhaften Menschen. Wir züchteten diesen Menschen in allerlei Einrichtungen, in exklusiven Offizierskasinos, in Studentenkorps. Distanzhalten vom Pöbel war das Erziehungsprinzip dieser feudal-exklusiven Körperschaften. Das „Pathos der Distanz“ war das Ehrgefühl der Kaste. Wir haben der Welt die Reinzüchtung des starrer Gesichtsmuskels (bei Heine: „Der eingefrorene Dünkel“) geliefert, das Medusenantlitz des feudalen Weltherrschers. Es war viel echte, auch viel vorgespielte Kraft dahinter, vor allem auch historische Notwendigkeit. Wir mußten aus redseliger Zerflossenheit heraus zur gesammelten Kraft, zu straffer nationaler Geschlossenheit.

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