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Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg : Zeitraffer eines Jahrhunderts

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Das Spannende an diesem Krieg ist, dass er in den Köpfen der Menschen und der Uniform der Soldaten wie ein Feldzug des neunzehnten Jahrhunderts beginnt. Und als er endet, steht er eigentlich dem Anfang des Zweiten Weltkriegs ganz nah. Das heißt, die Zeit von 1870 bis 1940 wird in viereinhalb Jahren wie im Zeitraffer durchschritten, in einer ungeheuren Beschleunigung. Der Zweite Weltkrieg ist dann auch insofern eine Fortsetzung des Ersten, als die geopolitischen Voraussetzungen für Deutschland die gleichen sind. Das ändert sich von 1945 bis 1990 mit der Konfrontation der Weltmächte im Kalten Krieg: Es gibt keine europäische Mitte mehr. Dann aber kehrt die Mitte Europas mit Deutschland als Zentralmacht zurück. Das hat jetzt nichts mehr mit militärischen, sondern allein mit ökonomischen Gesichtspunkten zu tun. Aber die Verantwortung, die daraus resultiert, ist eine ganz ähnliche wie vor hundert Jahren. In der Mitte ist sehr viel mehr Klugheit notwendig als an den Rändern. Wenn Herr Venizelos irgendwelches populistisches Geschwätz absondert, kann er das tun, aber die Deutschen können es sich aufgrund ihrer Position nicht erlauben, in ähnlichem Ton zu reagieren. Sie müssen im Prinzip immer das Gesamtwohl Europas im Auge haben. Das ist gelegentlich sehr anstrengend.

In Europa ist das Zeitalter der Großmachtkriege vorbei, aber im pazifischen Raum könnte es eine Neuauflage erleben. Die neue Weltmacht China kämpft dort um einen beherrschenden Platz im Zentrum des Geschehens. Wie konfliktträchtig ist diese Konstellation?

Das China von 2014 ist dem Deutschen Reich von 1914 in vielerlei Hinsicht ähnlich. Die Chinesen sind so stark, dass sich automatisch antihegemoniale Koalitionen um sie herum bilden, mit dem Effekt, dass auch sie unter Einkreisungsobsessionen leiden. In Ostasien fehlt außerdem eine starke historische Erfahrung vom verhängnisvollen Einfluss nationalistischer Grundströmungen in der Bevölkerung. Und es gibt, anders als in Europa, keine institutionellen Arrangements zur Deeskalation, keine Nato, keine EU, keine OSZE. Die große Landmacht China und die große Seemacht der Vereinigten Staaten stehen einander gegenüber, dazwischen Japan, der amerikanische Protégé und Erbfeind Chinas. Die Chinesen erwägen, eine Risikoflotte zu bauen; einen Flugzeugträger haben sie ja schon. Und die kleinen Inseln im Ostchinesischen Meer könnten zum pazifischen Balkan werden. Man soll solche Analogien nicht übertreiben. Die nukleare Bewaffnung hat so vieles verändert, sie hat dazu geführt, dass beispielsweise der Korea- oder der Vietnam-Krieg immer lokal blieben. Aber das heißt nicht, dass wir uns darauf verlassen können. Das Argument, Amerikaner und Chinesen seien ökonomisch so eng verflochten, dass da gar nichts passieren könne, zieht nicht. Das waren Deutschland und Großbritannien auch. Auch der Hinweis darauf, dass es in anderen Fällen immer gutgegangen sei, ist nicht hilfreich. Auch die Europäer konnten sagen, dass es im Libyen-Krieg von 1911 und den Balkankriegen von 1912/13 doch gutgegangen war und man die Konflikte lokalisiert hatte. Im Juli 1914 ist das dann nicht mehr gelungen.

Herfried Münkler

Der Erforscher der Kriege

Herfried Münkler, der an der Humboldt-Universität zu Berlin Politikwissenschaft lehrt, ist der führende deutsche Kriegsforscher. Als solchen bekannt gemacht haben ihn seine Publikationen über „Die neuen Kriege“ (2002) und den „Wandel des Krieges“ (2006) vom symmetrischen Konflikt unter Staaten zum asymmetrischen Kampf zwischen Staaten und Terrornetzwerken. Für sein Buch über „Die Deutschen und ihre Mythen“ erhielt er 2009 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. Jetzt hat Münkler unter dem Titel „Der Große Krieg - Die Welt 1914 bis 1918“ (Rowohlt Verlag Berlin, 2013) eine Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs vorgelegt.

F.A.Z.

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