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Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg : Zeitraffer eines Jahrhunderts

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Der eigentlich tragische Augenblick kommt 1917, als es im Reichstag zum ersten Mal eine Mehrheit für einen Frieden ohne Annexionen gibt, als Erzberger umschwenkt und Teile der Liberalen nachziehen. Genau in diesem Moment wird Bethmann-Hollweg von Ludendorff gestürzt, der die Parteien gegen den Reichskanzler ausspielt. Vorher konnte er sich immer nur auf das Vertrauen des Kaisers stützen. Wobei das Problem Wilhelm II. darin besteht, dass er letztlich ein schwacher, schwankender Monarch ist. Wir wissen nicht, wie sich die Geschichte entwickelt hätte, wenn Wilhelm im Jahr 1915, nach den großen Erfolgen im Osten und der gewonnenen Abwehrschlacht in der Champagne, seinem Kanzler den Rücken starkgemacht hätte, jetzt der westlichen Entente Verhandlungen anzubieten. Stattdessen kommt Bethmann-Hollweg auf die verhängnisvolle Idee, Falkenhayn als Generalstabschef durch Hindenburg und Ludendorff ersetzen zu lassen. Er glaubt, die charismatische Siegerfigur Hindenburg werde den Deutschen die Notwendigkeit eines Verhandlungsfriedens beibringen können. Das Gegenteil ist der Fall: Hindenburg will siegen. Weil Ludendorff hinter ihm steht und ihn antreibt.

Warum ließ sich die SPD von Ludendorff gegen Bethmann-Hollweg instrumentalisieren?

Im Sinne Max Webers muss man hier sagen: die Reichstagsparteien, seien es SPD, Zentrum oder Fortschrittliche, waren nicht bereit, nach der Macht zu greifen. Das hatten sie nicht gelernt. An diesem Punkt kann man die Parlamentarier von ihrer Verantwortung für den Kriegsverlauf nicht freisprechen. Nicht, dass sie nicht das Beste gewollt hätten. Aber sie waren nicht in der Lage, zu begreifen, was die Forderung der Stunde war.

War es auch politisch unklug von der SPD, im November 1918 „die Suppe auszulöffeln“, wie Ludendorff sagte, die die Oberste Heeresleitung dem Reich eingebrockt hatte, statt die völlige Auflösung der alten Ordnung abzuwarten?

Aus heutiger Sicht wäre es zweifellos klüger gewesen zu warten. Verantwortungsvoller im Hinblick auf die menschlichen und finanziellen Kosten aus der Perspektive damaligen Wissens war jedoch der Weg, den Ebert damals gegangen ist. Eine Weiterführung des Krieges bis zum Zusammenbruch der Westfront hätte sehr hohe Opfer gekostet, ähnlich wie der Endkampf des „Dritten Reiches“ ab Sommer 1944. Es kommt hinzu, dass Ebert Empfindungen jenseits bloßer Reflexion hatte, die in dem berühmten Satz zum Ausdruck kommen, mit dem er die Reichskanzlerschaft aus den Händen seines Vorgängers Max von Baden entgegennimmt. „Herr Ebert“, sagt Max von Baden, „ich übergebe Ihnen das Reich zu treuen Händen.“ Und Ebert antwortet: „Es ist bei mir in treuen Händen. Ich habe diesem Reich zwei Söhne geopfert.“ Derselbe Ebert wiederholt dann ja auch die Formel „im Felde unbesiegt“. Diese Dimension des Opferstolzes darf man gerade in seinem Fall nicht übergehen.

Übergibt im November 1918 das Reich zu treuen Händen an Friedrich Ebert: Max von Baden

Für den englischen Historiker Niall Ferguson ist der Erste Weltkrieg ein „falscher Krieg“, weil er die Einigung Europas unter deutscher Führung um neunzig Jahre verzögert. Das erinnert seltsam an die Mitteleuropa-Konzepte der deutschen Führung während des Krieges. Wäre dieses „Mitteleuropa“ wirklich ein Vorläufer der EU gewesen?

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