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Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg : Zeitraffer eines Jahrhunderts

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Die Franzosen stehen unter Druck, die deutschen Truppen aus Nordfrankreich zu vertreiben. Bei den Briten sind die Kanalhäfen das eigentliche Ziel. Die dort stationierten deutschen Bombenflugzeuge greifen immer wieder südenglische Städte und auch London an. Und natürlich fürchtet man die U-Boote, die von dort aus operieren und durch die kurzen Anmarschwege sehr viel effektiver sind als die U-Boote aus der Nordsee. Die Frage ist, wie es die Deutschen eigentlich schaffen, trotz ihres Mangels an Ressourcen bis zum Frühsommer 1918 die taktische Überlegenheit zu behalten.

Eine Antwort lautet, dass sie in militärischen Dingen ungemein lernfähig sind. Eine der zentralen Gestalten dieses Lernprozesses ist der deutsche Oberst Fritz von Loßberg, der Erfinder der schachbrettartigen Verteidigung. Loßberg muss das Problem lösen, wie er die deutschen Verteidiger aus ihren tief eingegrabenen Bunkern, die im Fall eines feindlichen Vorstoßes zu Fallen werden können, herausbekommt. Deshalb lässt er die Bunkersysteme sprengen und entwirft eine elastische, tief gestaffelte Form der Verteidigung, in der kleine Trupps in improvisierten Stellungen den Gegner so lange aufhalten, bis die Reserven herangekommen sind. Das führt dazu, dass an die Stelle eines viktimen Grundgefühls in der Truppe wieder eine sakrifizielle Orientierung tritt. Vorher war es für jeden Einzelnen nur eine Frage der Zeit, wann die einfallenden Granaten ihn selber treffen würden. Unter den Bedingungen einer Verteidigung in der Tiefe aber, bei der man sich permanent über das Schlachtfeld bewegen muss, kommt wieder die aktive Opferbereitschaft vom Beginn des Krieges zum Tragen. Das ist eine der Erklärungen dafür, warum es im deutschen Heer erst sehr spät zu Kampfstreiks kommt, im Unterschied zu Franzosen, Italienern und Russen.

Warum hat es diese Art von theoretischer Durchdringung des Krieges auf westlicher Seite nicht gegeben?

Die Engländer und Franzosen sitzen in dieser Frage in der Falle ihrer Materialüberlegenheit. Die deutsche Seite dagegen muss durch Lernen ausgleichen, was ihr an Menschen- und Kriegsmaterial fehlt. Auf lange Sicht ist das natürlich ein Unglück für die Deutschen, weil eine ganze Reihe von führenden Offizieren, nicht nur die Verfechter der Dolchstoßlegende, nach dem Ende des Krieges sagt: Eigentlich waren wir besser. Wir wollen ein Rückspiel. Das ist dann die Generalität, mit der Hitler zumindest in der Anfangsphase den Zweiten Weltkrieg führt: Leeb, Rommel, Manstein und so weiter.

Die tragische Figur der deutschen Politik im Ersten Weltkrieg ist der Reichskanzler Bethmann-Hollweg. Von Anfang an versucht er, zwischen der Generalität auf der einen und den Sozialdemokraten und Liberalen auf der anderen Seite einen Mittelweg zu finden. Aber die Vereinigung von „Preußentum und Sozialismus“, wie es Oswald Spengler nennt, gelingt nicht. Was hätte Bethmann-Hollweg tun können, um einen historischen Kompromiss zu erzwingen?

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