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Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg : Zeitraffer eines Jahrhunderts

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In einer Lagebesprechung 1917: Kaiser Wilhelm II. zwischen Hindenburg (l.) und Ludendorff

Damit ist klar, wir brauchen ein Steuersystem mit Einkommensteuer, Kriegsgewinnsteuer, mit allen Instrumenten, die den zentraleuropäischen Staat heute vom Staatsmodell amerikanischer Prägung unterscheiden. Sie sind nach 1918 nicht verschwunden, weil dann die vielen Invaliden und Halbwaisen da waren. Der Steuerstaat wurde zum Wohlfahrtsstaat, er musste die Rolle der Väter übernehmen, die es nicht mehr gab.

Also ist unser Sozialsystem letztlich ein Produkt des Ersten Weltkriegs?

Genau. Der Wohlfahrtsstaat war die Antwort auf die Opferbereitschaft der Bevölkerung: Die einen verlieren ihre Söhne und Väter, die anderen nur ihr Geld, viele aber verlieren beides. Die Erbschaft meiner Großmutter war in Kriegsanleihen gezeichnet und deshalb Ende 1918 beziehungsweise 1923 weg.

Neben der beinahe totalen Mobilmachung durch Ludendorffs Rüstungsprogramm macht sich ab Herbst 1916 die englische Handelsblockade gegen Deutschland immer stärker bemerkbar. Es folgt der „Steckrübenwinter“ mit seinen Hungerkrawallen und Streiks. Wie legitim war das britische Vorgehen nach heutigen moralischen Maßstäben?

Aus britischer Sicht ist es die klassische Strategie einer Seemacht, die ihren Gegner eher zu ersticken als direkt niederzuwerfen versucht. In gewisser Hinsicht ist das eine Wiederkehr der Strategie, mit der die Briten hundert Jahre zuvor gegen Napoleon relativ erfolgreich agiert haben - eine Strategie, die unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten noch heute von den UN praktiziert wird: wirtschaftliche Sanktionen als Ersatz für militärische Operationen. Auch die Sanktionen gegen Saddam Hussein im Vorfeld des zweiten Irak-Kriegs haben vor allem Kinder und Alte getroffen, nicht die Soldaten der Republikanischen Garde. Die Briten führen im Prinzip nicht Krieg gegen die Faust, sondern gegen das Nervensystem des Deutschen Reiches. Die Pointe ist, dass Großbritannien nach dem Fehlschlagen der Entscheidungsschlachten einen wirklichen Plan B hat. Die deutsche Seite dagegen spürt, dass sie einen Erschöpfungskrieg nicht gewinnen kann.

Oder nur durch radikale Ausbeutung der neu eroberten Gebiete im Osten.

Ab 1917 sind die Deutschen gezwungen, ihre Eroberungsräume im Osten für die Nahrungsmittelproduktion zu sichern, um eine Wiederholung des Steckrübenwinters zu vermeiden. Auf diese Weise können sie die militärischen Vorteile, die sich aus dem Zusammenbruch des Zarenreichs und der bolschewistischen Revolution ergeben, nicht voll ausnutzen. Im Frühjahr 1918, als an der Westfront die letzte große deutsche Offensive beginnt, stehen immer noch ungefähr eine Million deutsche Soldaten im Osten.

Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im April 1917 hätten die Westmächte im Grunde nur abwarten müssen, bis sich die Kräfteverhältnisse entscheidend zu ihren Gunsten verschieben. Warum versuchen erst die Franzosen, dann die Briten dennoch immer wieder, den Durchbruch zu erzwingen?

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