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Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg : Zeitraffer eines Jahrhunderts

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Noch bevor die Marne-Schlacht für die Deutschen verlorengeht und der vierjährige Grabenkampf beginnt, hat das Deutsche Reich den Propagandakrieg schon verloren. Nach dem Einfall in Belgien, den Greueln gegen die dortige Zivilbevölkerung und der Zerstörung der Bibliothek von Löwen setzt sich das Bild des germanischen Barbaren in der englischen, französischen und auch amerikanischen Propaganda unauslöschlich fest. Wie kommt es, dass sich die Blüte der deutschen Künstler- und Professorenschaft mit Ausnahme Max Webers gerade in diesem Augenblick mit dem Militarismus solidarisiert und im berüchtigten „Manifest der 93“ die Greuel in Belgien als Kulturleistung rechtfertigt?

Das Problem ist, dass diese Leute alle nicht politisch zu denken gelernt haben - genau das, worüber sich Max Weber tagtäglich aufregt. In ihrer Naivität glauben sie, die Äußerung Henri Bergsons, an der Westfront kämpfe die Zivilisation gegen die Barbarei, mit ihrer Resolution widerlegen zu können. Die Deutschen haben den Krieg der Worte und Bilder in diesem Augenblick verloren, die Pickelhaube wird zum Symbol des deutschen Barbaren. Für die Militärs, die reine Techniker der Kriegsführung waren, lag dieses Problem jenseits ihres Horizonts. Die deutschen Intellektuellen ihrerseits waren nicht imstande, die Paradoxien des Politischen zu erkennen. Sie hatten ein gutes Gewissen, sie hatten der Welt so viel gegeben, Musik, Literatur, Geistes- und Naturwissenschaften. Warum wurden sie dafür so wenig respektiert? Der Althistoriker Eduard Meyer, eine Koryphäe seines Fachs, wird im Lauf des Krieges zum verbohrten alldeutschen Nationalisten. Dieser Sturz von äußerster Reflektiertheit und Intellektualität zu einer geradezu blödsinnigen politischen Naivität ist ein typisch deutsches Phänomen dieser Jahre.

Ein politisch kluger Imperialist: Max Weber im Jahr 1917

Max Webers Kommentare lösen bei einzelnen Offizieren im Generalstab einen solchen Hass aus, dass sie ihn am liebsten erschießen lassen würden. Ist Weber so etwas wie die einsame deutsche Stimme der Vernunft im Ersten Weltkrieg?

Dieser Hass ist die amtliche Bestätigung dafür, welchen Einfluss das Militär Weber als Intellektuellem beimaß. Dabei ist er kein Pazifist, sondern im Prinzip ein Nationalist reinsten Wassers. Und ein Imperialist ist er eigentlich auch. Aber eben ein politisch kluger.

Er begrüßt den Krieg gegen Russland als Kampf gegen die asiatische Barbarei.

Das ist die Tradition der 1848er, zu der ja nicht nur Liberale wie Weber gehören. Es ist auch der Grund für die Sozialdemokratie, am 4. August 1914 den Kriegskrediten zuzustimmen. Die politische Linke hat mit den Russen nichts am Hut. Was sie aber viel zu wenig begreift, ist, dass sie den Wertedissens in der Triple-Entente, dem Bündnis zwischen der französischen Republik, der britischen Monarchie und dem autokratischen Zarenreich, sehr viel mehr politisch nutzen müsste. Stattdessen redet sie über deutsche Kultur.

In Ihrem Buch zeigen Sie, wie sich aus der Tatsache, dass das Deutsche Reich 1914 im Grunde keine Kriegsziele hatte, im Lauf des Krieges eine immer tiefere Kluft zwischen Nationalisten, Liberalen und Sozialdemokraten ergab, die jede Friedensinitiative zum Scheitern brachte. Ging der Krieg schon vor der militärischen Niederlage politisch verloren?

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