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Herfried Münkler über den Ersten Weltkrieg : Zeitraffer eines Jahrhunderts

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Selbst Ende Juli, als Österreich-Ungarn Serbien schon den Krieg erklärt hat und Russland mobilmacht, hoffen Bethmann-Hollweg, der Generalstab und Wilhelm II. immer noch, dass England sich aus dem Krieg heraushält. Dann aber läuft die Mobilmachung nach dem Schlieffenplan an, und die deutsche Besetzung Belgiens löst unvermeidlich die englische Kriegserklärung aus. Ist Schlieffen der eigentlich Schuldige?

Zunächst einmal muss man begreifen, dass Graf Schlieffen für ein bestimmtes Problem eine Lösung gesucht und gefunden hat. Das Problem hieß nicht nur Zweifrontenkrieg, sondern auch Erschöpfungskrieg, mit allen Konsequenzen, die von Friedrich Engels über August Bebel bis zum älteren Moltke in seiner berühmten Reichstagsrede vorhergesagt worden waren. Schlieffen entwickelt ein Konzept für eine schnelle Entscheidung nach dem Muster von 1870/71: erst mit Übermacht die Franzosen schlagen, dann die langsameren Russen zurücktreiben. Das alles setzte voraus, dass die Briten sich heraushalten würden. Der Schlieffenplan war die technische Lösung für ein Problem, das politisch sehr viel komplexer war.

Entwickelte 1905 den Plan, der später seinen Namen tragen sollte: Generaloberst, später Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen

Zunächst funktioniert der Schlieffenplan: Das deutsche Heer marschiert durch Belgien nach Frankreich ein. Aber schon auf dem Weg dorthin wird der Angriffsflügel durch Verlegung von mehreren Armeekorps geschwächt. Hat der Generalstab, hat die deutsche Öffentlichkeit die militärische Kraft des Kaiserreichs schlicht überschätzt?

Der Schlieffenplan legt die Politik an die Kandare. Die Fahrpläne der Züge, die die drei Armeen des rechten Angriffsflügels über die Kölner Hohenzollernbrücke transportieren, machen alle politischen Interventionen zur Makulatur. In der Weimarer Republik ist die Frage, warum der Plan dennoch nicht funktioniert hat, rauf und runter diskutiert worden: War es die personelle Schwächung der 1. Armee von Kluck? Oder ein Problem der Logistik, der langen Transportwege durch Belgien und Nordfrankreich? Kam die Munition nicht mehr nach? Ich glaube, dass in dieser Debatte der Einfluss des deutschen Föderalismus unterschätzt wird. Die 6. Armee des Kronprinzen Rupprecht geht in den Kämpfen in Lothringen nicht zurück, um, wie Schlieffen das vorgesehen hatte, einen Sog zu erzeugen, bei dem ein oder zwei französische Armeen in den Sack gehen, sondern sie dringt vor. Psychologisch ist das verständlich: Die Bayern sagen sich, es kann doch nicht sein, dass wir hier zurückweichen, und die Preußen vom rechten Flügel stecken den Sieg ein. Der Schlieffenplan, kann man sagen, scheitert zum Teil auch daran, dass die Bayern so tapfer kämpfen. Da zeigt sich auch ein Problem der Führungsschwäche Moltkes. Andererseits, wie kann ein preußischer Generaloberst einem bayerischen Kronprinzen befehlen? Joffre kann seine Armeekommandeure nach Belieben ablösen, Moltke nicht.

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