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Gespräch mit dem Historiker Clark : Alle diese Staaten waren Bösewichte

Berlin, Unter den Linden, am 1. August 1914: In Extraausgaben melden die Zeitungen die Mobilmachung des deutschen Heeres. Der Erste Weltkrieg beginnt. Bild: akg-images

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat eine lange Vorgeschichte. Zum Auslöser der Selbstzerstörung Europas, schreibt der australische Historiker Christopher Clark, wurde ein bis heute nicht befriedeter Nebenschauplatz: der Balkan.

          Wenn man „Die Schlafwandler“ liest, wird man von der düsteren Atmosphäre des Sommers 1914 überwältigt. Ging es Ihnen beim Schreiben ebenso?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ja. Als ich zu den letzten Kapiteln kam, hatte ich einen wiederkehrenden Traum. Ich bin in England, und ich weiß, dass der Krieg ausbrechen wird. Ich sage zu meiner Frau: Wir müssen unsere Jungen ins Ausland bringen, sonst werden sie eingezogen. Eine ganze Generation wird durch diesen Krieg zerstört. Meine Söhne aber sagen, Daddy, du übertreibst, du nimmst das alles viel zu ernst. Ich versuche verzweifelt, sie zu überzeugen, doch sie hören mir nicht zu. Und dann erwache ich mit klopfendem Herzen.

          Der Erste Weltkrieg, war, wie Sie zeigen, alles andere als unvermeidlich. Warum ließen sich alle Beteiligten dennoch in ihn hineinziehen?

          Weil alle das Narrativ der Unvermeidlichkeit für sich akzeptierten. Ein weiterer Faktor ist, dass die Ententemächte stark unter Druck sind. Im Sommer 1914 spielen die Briten mit der Idee, die anglo-russische Konvention von 1907 im Folgejahr auslaufen zu lassen und sie durch eine Art Verständigung mit Berlin zu ersetzen. Die Briten waren durch die deutsche Flottenrüstung viel weniger beunruhigt, als immer behauptet wird. Von 1908 an ist klar, dass das Deutsche Reich den Rüstungswettlauf auf den Meeren verloren hat. Umso genauer beobachten die Briten die russische, amerikanische und japanische Flotte.

          Warum hielt England am Bündnis mit Frankreich und Russland fest?

          Die Briten wollen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Russland besänftigen und Deutschland eindämmen. England will nicht, dass Europa die Beute einer einzigen Macht wird. Es will aber auch nicht allein dastehen, falls die Entente gegen Deutschland gewinnt und Russland seine geostrategischen Interessen in Asien noch aggressiver durchsetzt. Arthur Nicolson, ein bedeutender Diplomat, hat es so ausgedrückt: „Wir müssen gegen die Deutschen kämpfen, um nicht gegen die Russen kämpfen zu müssen.“

          Mit derselben Logik sagt der deutsche Generalstab: Wir müssen jetzt die Russen schlagen, damit wir nicht in drei Jahren von ihnen geschlagen werden.

          In Deutschland gibt es seit dem Dreißigjährigen Krieg ein spezielles Trauma, das sich in jeder Generation erneuert: das Gefühl, durch die Lage in der Mitte Europas fremden Invasoren gegenüber verletzlich zu sein. Der Rest ist schiere Mathematik. Die franko-russische Allianz ist das aggressivste Bündnis auf dem europäischen Kontinent. Es existiert nur, um gemeinsam Krieg gegen eine dritte Macht zu führen: das Deutsche Reich. Wenn die Deutschen sich ausrechnen, wie viele Soldaten dieses Bündnis gegen sie aufbieten kann, wächst der Abstand mit jedem Jahr.

          Der australische Historiker Christopher Clark Ende August bei einer Präsentation seines aktuellen Buches „Die Schlafwandler“.

          Von dieser Perspektive aus wird das düstere Gefühl der Unvermeidlichkeit, das Moltke und der deutsche Generalstab bei jeder Gelegenheit verbreiten, verständlich.

          Hätten England und Frankreich als parlamentarisch kontrollierte Staaten nicht eine größere moralische Verpflichtung gehabt, den Krieg zu verhindern?

          Was mich überrascht hat, ist, dass der Unterschied zwischen demokratischen und autokratischen Regierungen in sich zusammenfällt, wenn man sich ansieht, wie Außenpolitik und Rüstung organisiert sind. Was an der Spitze der Regierung wirklich passiert, wird vom Blick und vom Zugriff der Parlamente abgeschirmt. Der englische Außenminister Edward Grey hat wichtige Akten nur an die engsten Zirkel verschickt, weil er seine Entente-Politik vor den eigenen liberalen Parteigenossen verbergen wollte.

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