https://www.faz.net/-gpf-7sd7d

Gedenken an Ersten Weltkrieg : Auf den Schlachtfeldern Belgiens

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Am 4. August 1914 griffen deutsche Truppen das neutrale Königreich Belgien an. Mit dem Einmarsch begann das vier Jahre dauernde Gemetzel auf den Schlachtfeldern Flanderns. In Lüttich gedachten König Philippe und Bundespräsident Gauck der Millionen Kriegsopfer.

          2 Min.

          Es ist kurz vor Mittag, als auf ein Zeichen der zehn Jahre alten Pauline hin tausende bunter Luftballons in den Lütticher Himmel aufsteigen. Der belgische König Philippe beugt sich herunter zu dem wallonischen Mädchen und küsst es auf beide Wangen. Pauline - im weißen Kleid - lächelt.

          Es ist der heitere Abschluss des ersten Teils eines Gedenktages, an dem das Königreich Belgien und die Leiden seiner Bevölkerung im Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt der Erinnerungen stehen. Rund 20 Staats- und Regierungschef haben sich am Alliierten-Mahnmal im Lütticher Stadtteil Cointe eingefunden.

          Sie gedenken gemeinsam  der Toten der Jahre 1914 bis 1918, aber sie beschwören auch die Verantwortung der heutigen Politikergeneration. In Lüttich waren vor einhundert Jahren, am 4. August 1914, deutsche Truppen einmarschiert.

          100.000 Belgier starben im Stellungskrieg 

          Kurz zuvor hatte der Krieg auf den Höhen östlich der Maas, sein erstes belgisches Opfer gefordert. Rund 100 000 Soldaten und Zivilisten des damals offiziell neutralen Königreichs der Flamen und Wallonen starben in den darauffolgenden Jahren.

          Noch weitaus mehr Menschen, vor allem Franzosen, Briten und Deutsche, ließen im mörderischen Stellungskrieg auf den Schlachtfeldern Flanderns ihr Leben. Es ist der Gastgeber der Lütticher Veranstaltung, König Philippe, der sich als erster der Redner versöhnlich äußert und den Bogen von der mörderischen Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft schlägt.

          „Die europäische Geschichte erinnert uns daran, dass Friede nicht dauerhaft sein kann ohne eine Einstellung, die das erlittene Leid übersteigt, die Schuldfrage hinter sich lässt und resolut in die Zukunft gerichtet ist“, sagt der 54 Jahre alte Monarch, dessen Urgroßvater König Albert I. vor einem Jahrhundert an der Spitze der Truppen des Königreichs gestanden hatte.

          Ein Jahrhundert später gebe es ein friedliches, geeintes und demokratisches Europa. Was für die Generation der Großeltern ein Traum gewesen sei, sei heute Wirklichkeit. Dann folgt ein eindringlicher Aufruf des belgischen Königs: „Lasst uns gemeinsam und weltweit die Botschaft verbreiten, dass dauerhafte Fried nur durch echte Versöhnung und ein gemeinsames Projekt möglich ist.“

          Einen Tag nach der deutsch-französischen Gedenkveranstaltung auf dem  Hartmannsweilerkopf in den Vogesen gibt es für Joachim Gauck und François Hollande an der Maas ein Wiedersehen. Der französische Präsident erinnert in Lüttich nicht nur daran, dass auf den Schlachtfeldern Flanderns erstmals Giftgas zum Einsatz gekommen ist.

          Er verweist auch darauf, dass damals, ohne das damalige Deutsche Kaiserreich beim Namen zu nennen, die Neutralität eines Landes – Belgiens - missachtet worden sei.

          Im Jahr 2014, in dem nicht weit von Europa in kriegerischen Auseinandersetzungen viele Menschen ihr Leben ließen, gehe es um mehr als Neutralität. Europa müsse Verantwortung übernehmen und stets in Bewegung bleiben. „Der Friede ist nicht gesichert“, sagt Hollande.

          Auch Bundespräsident Gauck geht in seiner Lütticher Rede ausführlich auf die heutigen Krisenherde ein. Millionen von Menschen litten auch heute unter Gewalt und Terror; nach wie vor diene hierzu die Instrumentalisierung politischer, völkischer und religiöser Überzeugungen als Rechtfertigung. „Wir sind deshalb als Repräsentanten so vieler Länder heute nicht nur im Gedenken vereint, wir erinnern uns auch daran, dass wir gemeinsam eine Verantwortung haben für die Welt“, sagt Gauck.

          Gauck erinnert an deutsche Verantwortung

          Ausführlich spricht er aber auch über die historische Verantwortung Deutschlands. Dass er an diesem Tag als Deutscher in Lüttich stehe und sprechen könne, sei „alles andere als selbstverständlich“. Zweimal, 1914 und 1940, hätten deutsche Truppen Belgien überfallen. Und dennoch habe das Land schon sehr bald nach dem Zweiten Weltkrieg die Hand zur Versöhnung ausgestreckt.

          So war Belgien eines der ersten Länder, das damals – 1952 – wieder diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufgenommen hat. Weitere Stationen in Belgien sind an diesem Montag für den deutschen Bundespräsidenten am Abend ein Besuch im wallonischen Mons sowie zuvor ein Abstecher in die altehrwürdige flämische Universitätsstadt Löwen, wo deutsche Truppen Ende August 1914 mehr als 200 Zivilisten erschossen hatten und für die Zerstörung der Bibliothek verantwortlich waren.

          Weitere Themen

          Angela Merkels letzte Befragung Video-Seite öffnen

          Im Bundestag : Angela Merkels letzte Befragung

          Bei ihrer Befragung im Bundestag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem das ungarische Gesetz deutlich kritisiert, das Materialien über Homosexualität und Geschlechtsumwandlungen an Schulen zensiert.

          Erstes Urteil nach Erstürmung des Kapitols

          Haft auf Bewährung : Erstes Urteil nach Erstürmung des Kapitols

          Knapp sechs Monate, nachdem ein Mob von Trump-Anhängern den Sitz des Parlaments in Washington stürmte, ist eine 49-jährigen Frau verurteilt worden. Bei der gewaltsamen Besetzung des Gebäudes kamen fünf Menschen ums Leben.

          Topmeldungen

          2:2 gegen Ungarn : Ein denkwürdiges deutsches Drama

          Es ist ein Abend des puren Nervenkitzels: Lange droht dem DFB-Team ein Debakel wie bei der WM. Der eingewechselte Leon Goretzka verhindert das EM-Vorrundenaus mit dem späten Ausgleich gegen Ungarn.
          Hoffnung auf Herdenimmunität: Menschen in der Fußgängerzone der Münchener Innenstadt

          Neue RKI-Zahlen : Immer mehr Delta-Infektionen

          Die Inzidenzen sinken weiter. Doch laut RKI hat sich der Anteil der Delta-Variante bei den Neuinfektionen seit vergangener Woche fast verdoppelt. Dennoch: Die Bundesländer bleiben gelassen.
          Der Berliner Erzbischof Heiner Koch am 29. Januar bei der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Berlin

          Missbrauch im Erzbistum Berlin : Ein Erzbischof ringt um Worte

          Die Beschäftigung mit dem Trauma sexualisierter Gewalt höre nie auf, berichtet ein Opfer. Sie müsse sich dafür rechtfertigen, für die Kirche zu arbeiten, berichtet eine Seelsorgerin. Eine Anhörung in Berlin erschüttert Erzbischof Koch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.