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Frankfurter Zeitung 19.08.1916 : Streit über Hungersnot in Polen

Polnische Landbevölkerung auf der Flucht, 1915. Bild: Picture-Alliance

Die Polen leiden Hunger, aber keiner will dafür verantwortlich sein. Die Frankfurter Zeitung vom 19. August 1916 vermittelt einen Eindruck der aufgeheizten Stimmung.

          5 Min.

          N Berlin, 18. Aug. (Priv.-Tel.)

          Man schreibt uns:

          Je länger der Krieg währt, desto ungeheuerlicher wird die Art der Kriegführung, desto ungeheuerlicher auch die Heuchelei und Verdrehung, mit der man Deutschland nicht nur physisch, sondern auch moralisch in der öffentlichen Meinung der neutralen Welt „aushungern“ will. Gegenüber den amerikanischen Forderungen auf Einleitung einer Hilfsaktion für die notleidenden Polen hat bekanntlich Sir Edward Grey in den letzten Tagen des Juli verlangt, Deutschland und Oesterreich-Ungarn müßten zunächst den ganzen Bodenertrag des besetzten Landes der Bevölkerung dieses Gebietes zur Verfügung stellen, also auch den Ertrag des von den deutschen und österreich-ungarischen Truppen bestellten herrenlos gewordenen oder verwüsteten Landes, ehe England die Versorgung der Polen mit amerikanischen Lebensmitteln gestatte. Und Sir Edward Grey hatte Deutschland und Osterreich-Ungarn dafür „verantwortlich“ gemacht, wenn das Leben irgend eines Bürgers in Polen infolge unzulänglicher Ernährung verloren ginge. Es gibt keine bessere Antwort auf diese englische Auffassung und die englische Forderung als die Flugschrift, die Ende Juni ein Pole, Dr. Felix Mlynarski, Delegierter des obersten polnischen Nationalkomitees für Amerika unter dem Titel „Protest and Appeal in the american relief action for Poland“ in New York veröffentlicht hat und die sich direkt an den Staatssekretär Lansing richtet.

          Der Verfasser, an dessen Objektivität kein Zweifel erlaubt ist, betont zunächst, daß die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen völkerrechtlich befugt waren und sind, die in den besetzten Gebieten vorgefundenen Nahrungsmittel für die militärische Besatzung zu beschlagnahmen. Tatsächlich ist das nur in beschränktem Maße geschehen, und zwar gegen Vergütung. Dr. Mlynarski vergleicht damit das Vorgehen der Russen in Galizien, die nun schon zum zweiten Male die gesamte Bevölkerung förmlich ausgeplündert haben und zum Unterschied von den deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen die Requisitionen schuldig geblieben sind.

          Der polnische Verfasser weißt aber zugleich darauf hin, daß die Truppen der Verbündeten in den besetzten Gebieten auf die teilweise Inanspruchnahme der dortigen Lebensmittel angewiesen waren, selbst wenn sie auf die Not der eingesessenen Bevölkerung die denkbarste Rücksicht hätten nehmen wollen, nachdem die völkerrechtlich bis dahin unerhörte Blockade Englands gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn alle im eigenen Lande vorhandenen Nahrungsmittelvorräte für die Zivilbevölkerung erforderte. Endlich lenkt Dr. Mlinarski die Aufmerksamkeit auf die freilich nicht neue Tatsache, daß anscheinend die englische Regierung in ihrer Haltung durch Rußland beeinflußt wird, obgleich die Russen es waren, die die schlimme Verwüstung des Landes angerichtet und damit den Notstand hervorgerufen haben, als im Sommer 1915 die russischen Armeen vor den anstürmenden Deutschen und Oesterreich-Ungarn zurückfluteten. Rußland habe damals systematisch Städte und Dörfer, Höfe und Felder vernichtet und so die Zivilbevölkerung einschließlich der Frauen und Kinder dem Hungertode preisgegeben, und zwar, wie im Juli 1915 in Petersburg amtlich bekanntgegeben wurde, um die Taktik von 1812 nachzuahmen, und zwar – wie in einem der englischen Presse damals veröffentlichten Telegramm aus Petersburg ausdrücklich erklärt wurde, - in Uebereinstimmung mit den Alliierten! „Der Zweck dieser Taktik“, so heißt es in dem Schriftchen wörtlich, „lag klar zutage: Rußland vernichtet die Felder und verwüstet das Land, um die eindringenden Deutschen und Oesterreich-Ungarn zu zwingen, die Versorgung der unglücklichen Bevölkerung auf sich zu nehmen und so die eigenen Vorräte daheim zu schmälern.“

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