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Frankfurter Zeitung 16.09.1916 : Das Lebenswerk des Franz Marc

Franz Marc ist gefallen. Das Telegramm mit der Todesnachricht, adressiert an seine Frau. März 1916. Bild: Picture-Alliance

Der Expressionist Franz Marc war im März bei Verdun gefallen. Seinem Lebenswerk widmet sich der junge Kasimir Edschmid in der Frankfurter Zeitung vom 16. September 1916.

          4 Min.

          Von Kasimir Edschmid.

          Die dritte Ausstellung, die die eifernde Mühe der Münchener Neuen Sezession in diesen Sommer setzt, eine Leistung voll Anspannung und künstlerischer Energie, trifft das Lebenswerk des Malers Franz Marc, der neben Weißgerbers furiosem Tempo in seiner kristallischen Ruhe die andere Waagschale großer neuer Malerei in München war, und der, wie Weißgerber, im Kriege gefallen ist. In dieser Schaustellung zeigen sich zum ersten Mal die Anfänge dessen, den man später nur als „den bauen Reiter“ kannte, und es folgt daraus, daß, so rund und groß das Werk geendet hat, es ihm bestimmt war, durch vieles hindurchzugehen. In diesen ersten Anfängen liegt all das Schlechte, das er vermied im späteren Werk, da es seinem großen Talent, das doch Beschränkung hatte, nicht gemäß war, hier scheidet sich früh das Bejahende und das Verneinende dieser Produktion. Dies erste naturalistische Tasten, das merkwürdige, nie gelingende Streben nach Landschaft im seltsamen Grün immer wieder gemalter Tannen, pointillistisches Suchen, und das in voller Kitschigkeit sich auslösende Werben um den menschlichen Körper, die schlecht, aber talentiert angemalten weiblichen Akte: es sind die versagenden ersten Griffe großer künstlerischer Sehnsucht, die ihre Bedeutung und ihren Gegenstand noch nicht kennt. Dann aber entdeckt sie ihn.

          Franz Marc, dem die Tragik gegeben war, das Menschliche nicht bilden zu können, entdeckt den Tierhimmel mit seiner Farbe, wie ihn Francis Jammes gefunden hatte in seinen Strophen. Hier erfüllte sich seine Berufung. Das Tier, das er nun immer wieder schuf, in immer steigender Erhobenheit es beglückender und seliger gestaltend, wird ihm Mittelpunkt der Welt, der breite Rücken der Erde, die in symbolischer Idylle im ruhenden Tier zusammengeströmte Ruhe des Seins. Wurde Weißgerber am Ende saufend, biblische Stoffe auftürmend zur bewegten Welle alttestamentarischer Kraft, so wuchs Marcs Schöpfung von der Außenwelt weg in den Spiegel letzter in unsäglicher Einfachheit gesehener Gesichte: Lämmer, Kühe und Pferde. Darin erfüllte sich ihm das kosmische Ziel der Welt.

          Er wollte die erstarrte Stille seiner Tierbilder in ein immer vertiefteres mystischeres Leben hinausbilden, und darum genügte ihm am Ende ihre einfach daseiende Ruhe nicht mehr. Voll fanatischer Liebe zu Kandinsky, dem großen Theoretiker, zu dessen chaotischer Linienzerlegung des Gegenstandes es ihn immer tiefer zog, verfluchte er die Umrisse seiner Körper zu sprengen und zu zerlegen. Ein immer wieder mühendes Gesetz nach größerer Vertiefung in ihm legte ihm auf, sich immer selber wieder zu zerstören. An ihm, der die Erde mit der Süßigkeit schmetternder Regenbogenfarben und satt glänzender breiter Pferderücken so sehr liebte, daß es ihm gelang sie zu zerbrechen, zeigt sich das noch tastende  anfängliche Streben der neuen Kunst. Hier, wo man reich und plötzlich lernte, den Gegenstand nicht mehr im Sinne sinnlicher Erfahrung genau zu nehmen, sondern ihn rücksichtslos im Sinne geistiger Gestaltung umzuformen, übersteigerte sich das Ziel. Man forderte Malerei, die den Gegenstand verleugnet, statt ihn umzuformen, aber damit schwindet der Boden unter dem Fuß. In Marc, dessen erdgebundene Stärke eine zu große Hemmung war, um zu unterliegen, ersteht die tragische Figur jener Zeit, die den Gegenstand in die Seligkeit unsagbarer Vergeistigung hinaufhob, aber mehr wollte: ihn abstrahieren, ihn nicht kennen, ihn überwinden – aber zu hart war, als daß es ihm gelungen wäre. Dies Streben, hinüberzukommen zu Kandinsky und seiner linearen Mystik, ließ ihn verzweifelter seinen Stoff bekämpfen, seine Gegenstände anfressen, um sie zu überwinden. Aber dies gab ihm nur tiefere Inbrunst.

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