https://www.faz.net/-gpf-8r9on

Frankfurter Zeitung 15.05.1917 : „Wir sind nicht aus Eroberungssucht ausgezogen“

Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921). In der Frage nach den deutschen Kriegszielen geriet er immer wieder zwischen die Fronten der Parteien. Bild: Picture-Alliance

Abermals hatten die Parteien den Kanzler aufgefordert, die deutschen Kriegsziele zu benennen. Merklich entnervt nimmt er im Reichstag Stellung - und in der Frankfurter Zeitung vom 15. Mai 1917.

          Nachdem die beiden Interpellanten, der konservative Roesicke und der Sozialdemokrat Scheidemann, gesprochen hatten, sagte der

          Reichskanzler v. Bethmann Hollweg

          unter gespannter Aufmerksamkeit ungefähr das Folgende:

          Ich lehne es im gegenwärtigen Augenblick ab, programmatische Erklärungen über Kriegsziele, wie die beiden Interpellationen sie fordern, abzugeben. Ich werde seit dem Winter 1914/15 gedrängt, unsere Kriegsziele öffentlich darzulegen, und man hat versucht, mich mit den Kriegszielen einzelner Parteien in Verbindung zu bringen. Ich habe, als die Erörterung der Kriegsziele freigegeben wurde, erklärt, daß die Reichsregierung sich an dieser Erörterung nicht beteiligen werde. Ich verwahre mich gegen den Versuch, mich auf die Kriegsziele bestimmter Parteien festzulegen, und verwahre mich auch heute dagegen. Was ich im Laufe des Krieges über unsere Kriegsziele ohne Schaden sagen zu können glaubte, habe ich hier im Reichstage wiederholt gesagt, und an diesen Grundlagen habe ich festgehalten und halte fest bis heute, und diese Grundlagen sind auch in unserem Friedensangebot vom 12. Dezember zum Ausdruck gekommen. Eine Meinungsverschiedenheit mit unseren Verbündeten in dieser Beziehung besteht nicht; ich stelle das ausdrücklich fest. Die alleinige Richtschnur unserer Politik ist die baldige glückliche Beendigung des Krieges. Jetzt gebietet die gesamte Lage zu schweigen, und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Bei unseren westlichen Gegnern ist von Friedensbereitschaft noch nichts zu merken, noch keine Spur einer Preisgabe ihrer ausschweifenden Eroberung-und Vernichtungsabsichten. Soll ich diesen Feinden etwa durch ein Programm des Verzichtes und der Enthaltsamkeit einen Freibrief ausstellen, damit sie den Krieg ohne die Gefahr späteren eigenen Schadens und ohne Risiko fortsetzen können? Soll ich durch eine solche Festlegung auf Verzicht etwa alle die Erfolge preisgeben, die wir errungen haben? Das lehne ich ab. Eine solche Politik wäre ein schnöder Undank gegen die Heldentaten, welche unser Volk draußen und in der Heimat vollbringt. Soll ich andererseits ein Eroberungsprogramm aufstellen? Auch das lehne ich ab. Wir sind nicht aus Eroberungssucht ausgezogen, sondern um das Dasein und die Zukunft unseres Volkes fest zu sichern. Ich kann weder ein Entsagungs- noch ein Annexionsprogramm verkünden. Das eine wie das andere würde nur zur Verlängerung des Krieges beitragen.

          In Rußland scheinen sich, so fuhr der Kanzler fort, die Dinge allmählich zu klären, obwohl England bemüht ist, für die Fortsetzung des Krieges zu wirken. Wenn in Rußland die friedlichen Neigungen die Oberhand behalten und wenn es bereit ist, in friedlicher Nachbarschaft mit uns zu leben, so ist nichts selbstverständlicher, als daß wir diesen Wunsch teilen, und dann werden wir keine Forderungen stellen, die die Erfüllung dieses Wunsches stören könnte, sondern auf gegenseitige Verständigung bedacht sein, eine Verständigung, die jeden Gedanken an Vergewaltigung ausschließt. Der Kanzler erklärte weiter, die militärische Lage sei gut durch den erfolgreichen Kampf an den Fronten, durch die Tätigkeit der U-Boote; sie gestattet die volle Zuversicht, daß wir uns einem guten Ende nähern. „Dann werde ich unsere Kriegsziele mitteilen können, in denen ich mich in vollster Übereinstimmung mit der Obersten Heeresleitung befinde, dann werden wir einen Frieden erringen, der uns die Freiheit gibt, in ungehinderter Entfaltung unserer Kräfte das aufzubauen, was der lange Krieg zerstört hat.“ Der Reichskanzler schloß mit freundlichen Betrachtungen über die Lage der Neutralen, besonders Spaniens.

          Nach der Rede des Reichskanzlers wurde von Seiten der Mittelparteien – der Fortschrittlichen Volkspartei, den Nationalliberalen, dem Zentrum und der Deutschen Fraktion – eine Erklärung abgegeben, welche den Ausführungen des Kanzlers zustimmt. Der Kern dieser Erklärung liegt darin, daß die genannten Parteien es billigen, wenn die Reichsregierung sich einerseits gegen maßlose Annexionen ausspricht, andererseits sich aber auch nicht auf einen Frieden ohne jede Gebietserweiterung und ohne Entschädigung festlegen will.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 18. Mai 2017.

          Weitere Themen

          Trump droht mit Vergeltungsschlag

          Nach Attacken auf Ölindustrie : Trump droht mit Vergeltungsschlag

          „Gewehr bei Fuß“ erwarte Amerika die letzte Bestätigung, wer für die Angriffe auf saudische Anlagen verantwortlich war, so Trump. Seine Regierung beschuldigt bislang nur Iran. Unterdessen rast der Ölpreis in die Höhe.

          Zehntausende trotzen Demo-Verbot Video-Seite öffnen

          Hongkong : Zehntausende trotzen Demo-Verbot

          In Hongkong sind erneut zehntausende Menschen für ihre demokratischen Rechte auf die Straße gegangen. Die Aktivisten setzten sich wie in der Vergangenheit über ein Demonstrationsverbot hinweg.

          Leichen über Leichen

          Mexiko : Leichen über Leichen

          Die Entdeckung eines weiteren Massengrabs in Mexiko sorgt kaum noch für Aufsehen – und zeigt, wie weit die Regierung von López Obrador von ihrem Versprechen entfernt ist, die Gewalt im Land in den Griff zu bekommen.

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.