https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/frankfurter-zeitung-04-08-1917-frauen-und-wissenschaft-anno-1917-14992725.html

Frankfurter Zeitung 04.08.1917 : Frauen und Wissenschaft anno 1917

Medizinstudentinnen vor einer Höhensonne. Seit 1908 konnten Frauen überall in Deutschland studieren, das männliche Geschlecht war davon nicht durchweg begeistert. Aufnahme von 1918. Bild: Picture-Alliance

Der Rektor der Berliner Universität findet: Frauen dürfen gerne studieren, aber besser aufgehoben sind sie doch zuhause. Mehr vorsintflutliches zum Thema Frauen in der Wissenschaft findet sich in der Frankfurter Zeitung vom 4. August 1917.

          4 Min.

          Die Berliner Universität beging gestern den Geburtstag ihres Stifters Friedrich Wilhelm III. mit einem Festakt. Die Festrede hielt der Rektor Ernst Bumm, der bekannte Gynäkologe, über das Frauenstudium. Bumm gehört zu den Hochschullehrern, die für das Hochschulstudium der Frauen sehr früh eingetreten sind Noch vor einem Menschenalter hätte der Rektor als phantastischer Erneuerer gegolten, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, das Frauenstudium zum Gegenstand einer akademischen Rede zu machen.

          Heute – seit 1908 – ist den Frauen der Zutritt zu den Hörsälen frei. Bumm führte u.a. aus: Schon den Physiologen des 18. Jahrhunderts ist der kleinere Kopfumfang der Frau aufgefallen, und sie führen auf die verschiedene Ausbildung der Gehirnfasern die Verschiedenheit des Denkens und Fühlens bei Mann und Frau zurück. Dazu kam dann der Nachweis des geringeren weiblichen Hirngewichts. Ob man aus dem geringeren Gehirngewicht der Frau auf eine geringere geistige Begabung schließen darf, ist seit der ersten Abhandlung Bischoffs über diesen Punkt eine heftig umstrittene Frage. Wer aufgrund des Gewichtsunterschiedes zwischen Männer- und Frauengehirn eine Inferiorität der Leistungen bei der Frau behauptet, müßte also nachweisen, daß das geringere Gewicht bedingt ist durch eine geringere Ausbildung und Masse der physischen Sphären der Gehirnrinde. Ein solcher Beweis ist bis jetzt nie geführt worden. Wer ein zutreffendes Urteil über die weibliche Befähigung abgeben will, muß viele Frauen in allen Lagen ihres Lebensweges beobachtet haben. Die Frauen, sagt Moebius, fassen, wenn sie wollen, recht gut und merken sich das Gelernte ebensogut wie Männer. Wenn man nur das ins Auge faßt, was man gesunden Menschenverstand und Mutterwitz nennt, dann kommen die Frauen nicht schlechter weg und sind im Punkte der Intelligenz dem Manne ebenbürtig. Der Krieg hat den Frauen die langersehnte Gelegenheit gebracht, den praktischen Nachweis ihrer Intelligenz und Brauchbarkeit in allen möglichen Stellungen zu liefern, und wer es gesehen hat, der muß zugeben, daß dieser Beweis glänzend erbracht ist.

          Was wird nun aus der „akademischen Frau“? Zur Lösung dieser Frage ist Geheimrat Bumm mit den Hilfskräften seiner Klinik den Schicksalen aller Frauen der Berliner Universität mit voller Matrikel seit 1908, dem Jahre der Freigabe des Universitätsstudiums, bis zum Jahre 1912 nachgegangen. Er kam (wir folgen in den nachstehenden Darlegungen einem Bericht des „Berliner Tageblatts“) zu folgenden Feststellungen: Von den 1242 in dieser Zeit immatrikulierten Frauen studieren noch 27, gestorben sind 18 und 134 gelten als „verschollen“, weil über sie nicht ermittelt werden konnte. Von den restlichen 1063 sind 642, gleich 60 Prozent, zur Ausübung eines Berufs gelangt und dauernd in ihm tätig; 421 haben das Studium oder den Beruf wieder aufgegeben. Der Grund dafür war bei 223 Heirat, und zwar haben 180 noch während der Studienzeit, 43 aus dem Berufe heraus geheiratet. In 198 Fällen waren Krankheit, Unlust oder ungünstige äußere Umstände die Ursache des Rücktritts, und zwar haben 169 Frauen das Studium, aber nur 29 den Beruf aufgegeben. 7 Witwen haben den Beruf nach dem Tode ihres Mannes wieder aufgenommen, doch hat bei diesen auch wohl das Bedürfnis des Krieges die Wiederaufnahme des Berufes veranlaßt. Von den 1063 Studentinnen sind insgesamt 341 verheiratet 722, gleich 68 Prozent, sind unverheiratet geblieben. Das Studium ist der Ehe nicht günstig, umgekehrt behindert diese die Berufsausübung; denn von 341 Studentinnen, die geheiratet haben, sind nur 118, gleich 34 Prozent, zu beruflicher Tätigkeit gekommen, von den unverheirateten dagegen 524, gleich 72 Prozent.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Zerstörung vor Augen: Autowracks auf einem Parkplatz im Kiewer Vorort Irpin

          Ukrainische Verluste : „Der Krieg nimmt uns die Besten“

          Immer mehr Angehörige der städtischen Eliten der Ukraine lassen im Krieg ihr Leben. Auch Kämpfer der Territorialverteidigung werden nun an die verlustreiche Front im Donbass geschickt. Doch Russland nachgeben will fast niemand.
          Der Hauptsitz von Clariant in Pratteln, Schweiz.

          Clariant : „Wir haben Notfallpläne entwickelt“

          Der Schweizer Spezialchemiekonzern wappnet sich gegen Gasausfälle im Winter. Für den Fall einer Übernahme hat Vorstandschef Keijzer einen Verteidigungsplan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.