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Erster Weltkrieg : Erziehung vor Verdun

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Im Angesicht vergangener Verbrechen: Martin Schulz vor den Gräbern jüdischer Gefallener in Verdun Bild: Schirrmacher

Der Schauplatz des ersten Informationskriegs, inspiziert im Zeitalter der europäischen Krise: Was geschieht, wenn man mit Martin Schulz, dem Präsidenten des europäischen Parlaments, die Schlachtfelder besucht.

          Wir, Herr Schulz, ein gelernter Buchhändler aus dem Rheinischen, und ich, fuhren nach Verdun. Die Idee entstand, als sich bei einem Gespräch herausstellte, wie viel Herr Schulz im Laufe seines Lebens über den Ersten Weltkrieg nicht nur gelesen, sondern auch im Kopf behalten hatte. Viel mehr jedenfalls als ich. Nicht nur ein Buchverkäufer offenbar, sondern ein Leser, der, so wie ein Generalstabschef die Karten studiert, die Bewegungs- und Gedankenprofile unzähliger Schriftsteller und Zeitzeugen kartographierte und zu hochinteressanten Fragestellungen gelangt war.

          Herr Schulz sollte mir das Verdun zeigen, das in seiner Vorstellung aufgrund einer offenbar schon in jungen Jahren einsetzenden Informationssammelwut entstanden war. Das war die offizielle Version. Die inoffizielle lautete: Ich wollte nicht nur Verdun, ich wollte Herrn Schulz in Verdun sehen. Das hat damit zu tun, dass Martin Schulz nicht nur Buchhändler, sondern auch Präsident des Europaparlaments ist und, als Nachfolger Barrosos, den Posten des Kommissionspräsidenten anstrebt.

          Es ist eines, zu fragen, was Politiker wollen und erhoffen und versprechen. Ein anderes und interessanter ist die Frage, warum sie etwas tun. Die Antwort auf die Frage, warum es ein geeintes Europa geben müsse, hat man eigentlich immer mit einem Wort beantworten können: Verdun.

          Sich wirklich vorstellen, was damals geschah

          In den siebziger Jahren, als der Schmerz noch groß und die Gesprächsbereitschaft immer noch gering war, hätte man in den Gasthöfen rund um Verdun einen jungen Mann sehen können, der alte Franzosen und Französinnen nach ihren Erinnerungen fragte. Das war der junge Martin Schulz. Über Jahre hinweg ist er im Sommer auf eigene Faust hierher gefahren, weil er, wie er sagt, den Augenblick erwartete, wo er sich wirklich vorstellen konnte, was hier geschah. Aber das konnten selbst die alten Leute nicht mehr.

          Zu jung, um noch den Zweiten Weltkrieg zu erleben, hatte er in seiner grenznahen Heimat eine gleichsam drahtlose Botschaft empfangen, die die Luft erfüllt: den Hass, das Misstrauen und die ja wirklich heutzutage irrwitzig anmutende Erkenntnis, dass sein Großvater vor Verdun stationiert wurde, um Franzosen zu erschießen. Er ist nicht so platt zu behaupten, dass er deshalb den Weg in die Europapolitik eingeschlagen hat. Es ist vielmehr so, dass er plötzlich den Weg verlässt, sich einen Weg durchs Gestrüpp bahnt und sagt: „Warten Sie, hier muss es sein.“ Und dann ist da ein Einstiegsloch oder ein Graben oder ein Ort zwischen Tannen, von dem wir durch Zeitzeugenaussagen genau wissen, welcher Schrecken hier wütete, als es ein Ort von Schlamm und Moder war.

          Die Orientierung ist schwierig. Hier war vielleicht eine Gabelung, an der sich die deutschen Truppen immer verirrten. Als Wegweiser legten sie einen gefallenen Franzosen an die Kreuzung. Der „tote Franzose“ war ein Treffpunkt, bis die Granaten die Leiche zerfetzten. Und jetzt geht vor uns Martin Schulz, der Enkel, der hier jeden Stein zu kennen scheint und irgendwann sagt, wie viele Opfer die kurze Strecke, die wir hier zurücklegen, im Jahre 1916 gekostet hätte.

          „Immer, wenn ich hier bin, ist Totenstille“

          Es ist so, dass das Existentielle dieses Maschinenkrieges über einen Zeitraum von einhundert Jahren uns - auch das muss man sagen - bis an die Grenze des Kitsches und der Sonntagsreden bewusst geworden ist. Was dazu zu sagen ist, hatte im Jahre 1915 eine amerikanische Zeitschrift, die ihr Land vom Kriegseintritt abhalten wollte, sehr bündig formuliert: „Wenn Sie den Krieg lieben, ziehen Sie einen Graben in Ihrem Garten, füllen ihn halb mit Wasser, kriechen hinein und bleiben dort einen Tag oder zwei, ohne etwas zu essen; bestellen Sie sich weiter einen Geisteskranken, damit er mit ein paar Revolvern und einem Maschinengewehr auf Sie schießt.“

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