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Hundert Jahre Erster Weltkrieg : Es ist vorbei, vorbei für immer

Nichts riecht im Krieg nach Schönheit

Die Krönung des sakralen Gedenkens ist das riesige halbrunde Glasfenster über dem Christusaltar. Es zeigt die heilige Johanna und den heiligen Michael, die, flankiert von Engeln mit blauen und roten Flügeln, einen namenlosen „poilu“, einen archetypischen Grabenkämpfer, in die Arme des Erlösers geleiten. Am Rand des Bildes, im Licht der Strahlen, die vom Haupt Jesu ausgehen, stehen Soldaten in den bunten Uniformen von 1914 und den eintönig blaugrauen von 1918. Keine deutsche Langemarckhalle, kein britisches oder amerikanisches Kriegerdenkmal kann es mit dem Pathos dieser Szene aufnehmen, so wie es keine andere europäische Nation mit den Opferzahlen Frankreichs aufnehmen kann. Jeder fünfundzwanzigste Franzose starb im Ersten Weltkrieg, unter den jüngeren Männern war es jeder siebte. Zwar hatte Henri Barbusse, der größte der französischen Kriegsschriftsteller, schon 1916 in seinem Roman „Das Feuer“ den Soldatenruhm als Lüge bezeichnet - „wie alles, was im Krieg nach Schönheit riecht“. Aber das war vergessen, als die Toten gezählt, die Trümmer beseitigt waren. Jetzt stiftete das Massensterben die Erinnerungsgemeinschaft der Lebenden.

Die Frühjahrsoffensive des deutschen Heeres, Ludendorffs „Friedensturm“, der im Juli 1918 an der Marne verebbte, sollte dem Eingreifen der Amerikaner zuvorkommen, deren Soldaten im letzten Kriegsjahr in immer größeren Mengen über den Atlantik und nach kurzer Ausbildung in die Schützengräben strömten. Doch es war zu spät. Die Amerikaner waren schon da, und sie halfen mit, den deutschen Stoß abzufangen. Im Wald von Belleau, achtzig Kilometer vor Paris, stießen im Juni Einheiten des neu gebildeten U.S. Marine Corps in die Flanke des deutschen Angriffs. In dreiwöchigen Gefechten eroberten die Marines den Wald zurück. Es war die Feuertaufe einer Truppe, deren Korpsgeist und Kampfkraft sich im Zweiten Weltkrieg und anschließend in Korea und Vietnam bewähren sollten.

Vier Tote teilen sich einen Grabstein

Heute breitet sich am Westhang des Waldes der Aisne-Marne American Cemetery samt Mahnmal und Gedenkhalle aus. Es ist der prunkvollste der Soldatenfriedhöfe, auf denen die amerikanischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs ruhen, und auch der schönste. Jedes der 2289 Gräber trägt ein Kreuz aus weißem Marmor, während sich auf dem nahe gelegenen deutschen Kriegerfriedhof bis zu vier Tote einen Grabstein teilen. Auf der Wand der Gedenkkapelle sind die Namen von mehr als tausend Vermissten eingraviert, deren Überreste nicht gefunden wurden. Viele davon klingen deutsch. „Die Söhne deutscher Einwandererfamilien haben sich oft freiwillig gemeldet, um ihren Patriotismus zu beweisen“, sagt David Atkinson, der Leiter des American Cemetery.

Auf einer Lichtung im Wald von Belleau, einen Spaziergang von den Gräbern entfernt, ist erbeutetes Kriegsgerät ausgestellt, das die deutschen Truppen bei ihrem Abzug zurückließen. Die losen Teile der Geschütze, erklärt Atkinson, müssten eigens gesichert werden, da sich Militaria-Sammler gern an ihnen zu schaffen machten. Ringsum sieht man halb eingestürzte Reste von Schützengräben. Die ältesten unter den Eichen und Buchen, die ihre Schatten darauf werfen, wirken seltsam licht und kahl, als hätte eine frühe Krankheit ihr Wachstum gehemmt. Zwar weist ihre Rinde keine Verletzungen auf, aber ihr Inneres, sagt David Atkinson, sei mit Blei- und Stahlsplittern gespickt. „Kein Sägewerk will sie haben.“ Deshalb bleiben sie stehen, bis ein Sturm sie umwirft, spärlich belaubte Veteranen der Katastrophe, die vor hundert Jahren anfing.

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