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Erster Weltkrieg : Langemarck, der verschleierte Irrsinn

  • -Aktualisiert am

Eine zerstörte Straße in Langemark, nachdem die Ortschaft im April 1915 erstürmt wurde. Bild: Picture-Alliance

Mit dem Deutschlandlied auf den Lippen opferten sich vor 100 Jahren heldenhaft deutsche Studenten und Schüler bei der Schlacht um ein Dorf in Flandern – dieser Mythos lebt bis heute. Ein großer Unsinn.

          Am frühen Morgen des 10. November 1914 sprangen auf ein Pfeifensignal hin 2000 deutsche Soldaten aus ihren Gräben auf. Nahe dem flämischen Langemarck stürmten sie mit aufgepflanzten Bajonetten gegen den Feind – sie liefen geradewegs ins Verderben. An den Hügeln vor ihnen hatten sich erfahrene französische und belgische Soldaten zusammen mit englischen Berufssoldaten eingegraben. Ihr Maschinengewehrfeuer mähte die Angreifer einfach nieder.

          Die Meldung, die die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reichs am Tag darauf veröffentlichte, liest sich ganz anders. Sie legte den Grundstein für einen bis heute verbreiteten fatalen Mythos: „Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesang ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie. Etwa 2000 Mann französischer Linieninfanterie wurden gefangen und sechs Maschinengewehre erbeutet.“

          Was stimmt, was ist erfunden?

          Die Wahrheit stirbt im Krieg häufig zuerst. Der Bericht der Heeresleitung vom 11. November zeugt davon. Denn nicht einmal der angegebene Ort der Schlacht ist korrekt. Tatsächlich hatten die Soldaten sechs Kilometer enfernt von Langemarck gekämpft, bei Bixschote in der belgischen Provinz Westflandern.

          Historiker vermuten, dass die Generäle den Ort wegen des deutsch klingenden Namens ausgewählt haben und weil er dem als typisch deutsch empfundenen und verehrten Namen „Bismarck“ des ehemaligen Reichskanzlers ähnelte.

          Futter für die Kanonen

          Vor allem aber wirkt der im Heeresbericht angedeutete Sieg wie Hohn. Denn der Sturm endete in einem Desaster. Nicht die deutschen Soldaten nahmen 2000 französische Infanteristen gefangen, sondern exakt 2059 deutsche Soldaten der 6. Reserveredivision fielen im Feuer der Alliierten bei dem Versuch, die Hügelkette zu nehmen.

          Überraschen konnte das die deutsche Heeresleitung nicht. Sie schickte die Infanteristen gegen einen weit überlegenen Gegner ins Feld und nahm schwere Verluste in Kauf. Die in kurzer Zeit zusammengestellten deutschen Reservekorps bestanden aus unzulänglich ausgebildeten und schlecht geführten Soldaten. Es waren Kriegsfreiwillige und ältere Reservisten ohne Kampferfahrung. Kanonenfutter. Ihre Offiziere waren mit der modernen Kriegsführung nicht vertraut und unfähig, ihre Soldaten richtig zu leiten.

          Der Mythos war geboren

          Viele deutsche Tageszeitungen druckten die Meldung der Obersten Heeresleitung am nächsten Tag auf ihrer Titelseite. So auch die Frankfurter Zeitung. Sie schufen damit das Bild eines blind gehorchenden, patriotischen Soldaten, der das Deutschlandlied singend, gegen den Feind stürmt und sein Leben bereitwillig für das Vaterland opfert. Die Generäle hatten das tatsächliche Gemetzel von Langemarck erfolgreich zu einem „Opfergang der deutschen Jugend“ stilisiert und damit ihr Versagen bei der Schlacht verschleiert.

          Der Mythos von Langemarck war geboren. Eine Legende, die in der Weimarer Republik Auftrieb erhielt, während der nationalsozialistischen Herrschaft ihren Höhepunkt erlebte und heute, Hundert Jahre später, noch immer verbreitet ist. So hielt sie sich beispielsweise bis August dieses Jahres auf der Internetseite des Deutschen Historischen Museums. Auch auf den Internetseiten des Deutschlandfunks, des MDR und des NDR wird der Mythos noch teilweise aufgegriffen. Längst ist es Zeit, den Mythos um die Schlacht von Langemarck endgültig ins Reich der Kriegslegenden zu verbannen.

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