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Der junge Mussolini : Plötzlich war das Böse da

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Die Büste des Faschisten im Garten der Villa Carpena, die heute als Museum fungiert Bild: Filippo Massellani

Was ließ den jungen, politisch bewegten Mussolini vor genau hundert Jahren zum kriminellen Menschenfeind mutieren? Eine Ausstellung in seinem Geburtsort in der Emilia-Romagna sucht Antworten.

          Eine stimmungsvolle Ausstellung im Braunauer Geburtshaus von Adolf Hitler über die politischen Anfänge des Führers - und danach ein Besuch im prächtigen, mit Fahnen geschmückten Mausoleum? Allein schon der Gedanke ist so scheußlich, dass deutlich wird: Der deutsche Nationalsozialismus lässt sich nicht mit dem italienischen Faschismus gleichsetzen, vor 1945 nicht und auch nicht bei der Erinnerungskultur.

          Denn in Italien ist genau das möglich und wird vom lokalen Tourismusamt sogar beworben: eine Fahrt nach Predappio an die Wiege Benito Mussolinis, wo seine - allerdings schwer verstümmelten - Überreste in einer Kirche auch begraben liegen, als handele es sich um eine ehrbare Politgröße.

          Seite an Seite mit Gemahlin Donna Rachele ruht hier der vermeintliche Familienmensch, der Italien in den Zweiten Weltkrieg und dann in einen ebenso blutigen Bürgerkrieg riss. Von der unglücklichen Claretta Petacci, die mit dem Duce bei Kriegsende floh, die ihre Juwelen in der Unterwäsche versteckte und ebenso wie ihr Lover am Comer See von Partisanen erschossen wurde, ist in frommer ehelicher Eintracht selbstverständlich nicht die Rede.

          Eine schmierig-weihevolle Inszenierung

          Trotzdem oder gerade wegen der schmierig-weihevollen Inszenierung - bis heute zieht der Geburtsort des Duce, den er selbst erst ab 1927 aus einem Straßengehöft zur Ortschaft ausbauen ließ, alte Kameraden und junge Adepten magisch an. Allerdings sinkt in den letzten Jahren die Anzahl der Pilgerbusse, so dass dies gebeutelte Städtchen in den Hügeln der Romagna sich endlich mit gebührender Distanz seiner Geschichte stellen kann.

          Bis heute sind allerdings die Devotionalienläden voller Faschistenfahnen, Schwarzhemden, Duce- und Hitlerbüsten und anderem unappetitlichen Souvenirkram unübersehbar. Die Abkunft des Faschistenführers aus dem Kernland des italienischen Sozialismus hat zu der absurd-italienischen Situation geführt, dass Predappio ein Ort mit stabiler linker bis exkommunistischer Mehrheit ist, dessen Bewohner sich zu einem guten Teil vom Verkauf rechtsextremer Propagandaartikel ernähren. Immerhin ist Predappio - man könnte sich an der Ortstafel fast verlesen - mit dem nordhessischen Breuna und nicht mit dem oberösterreichischen Braunau verschwistert.

          Die Schau „Il giovane Mussolini“ bedeutet den ersten ernsthaften Versuch, von Verherrlichung respektive Verdrängung zur Historisierung des unleugbar bekanntesten Sohnes der Stadt überzugehen. Ein wissenschaftliches Komitee unter dem Neuzeithistoriker Maurizio Ridolfi wurde gegründet; flankiert wird das Ganze vom besorgten Bürgermeister Giorgio Frasinetti, der in einem Video einzig von der historischen Analyse des Werdegangs spricht.

          Einst ein folgsames Muttersöhnchen aus der Provinz

          In der Tat geht es um diese Frage: Wie konnte aus dem Sohn eines Schmieds und pazifistischen Dorfschulmeisters der martialische Kriegsherr des italienischen Imperiums werden? Wie wandelte sich der atheistische Sozialistenführer in einen Staatsmann, der mit dem zufriedenen Vatikan jene Lateranverträge aushandelte, die im Kern bis heute das Verhältnis von Staat und Kirche in Italien regeln? Und was machte aus dem folgsamen Muttersöhnchen aus der Provinz den pompösen Duce in Rom?

          Mit den bescheidenen Mitteln des kleinen Predappio lassen sich solch welthistorische Rätsel freilich überhaupt nicht lösen, doch ist das dokumentarische Interesse sine ira et studio zu loben: Man hat allerhand zuvor bis dato nicht aufgearbeitetes Quellen- und Bildmaterial aus jenen frühen Jahren zusammengetragen, an welche Mussolini nicht nur wegen seiner notorischen Frauengeschichten nur ungern erinnert wurde. Denn er war seit seiner Jugend der anarchosozialistischen Bewegung fanatisch verbunden, die vor allem in der stärker industrialisierten Romagna rund um Forlì zahlreiche Anhänger fand und das Regionalgefühl bis heute durchdringt:

          Der Duce war damals ein Roter mit revolutionärem, antiklerikalem Eifer, dessen drei Vornamen Benito Amilcare Andrea vom Vater mit gewisser Hellsicht nach namhaften Sozialisten ausgewählt wurden.Zeitungsnachrichten, Fotos und sogar ein frühes (linkes) Propagandagemälde zeugen von diversen Verhaftungen, die der Hitzkopf erdulden musste. Doch schon in Schulaufsätzen des Sechzehnjährigen über Meinungsfreiheit und Klassenfrage wird ablesbar, dass dieser Mussolini von Anfang an ein Vollblutpolitiker war.

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