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Gedenkstunde zum Weltkriegsbeginn : Grosser würdigt Überwindung des Militarismus

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Applaus für einen ebenso kritischen wie verbindlichen Geist: Der deutsch-französische Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler Alfred Grosser am Donnerstag im Bundestag Bild: dpa

Der französische Publizist Alfred Grosser hat die neue, dem Frieden verpflichtete Rolle Deutschlands nach den Weltkriegen gelobt. In einer Gedenkstunde des Bundestags verteidigte er auch die Forderung nach einem größeren sicherheitspolitischen Engagement.

          In einer Gedenkstunde des Bundestags zum Beginn des Ersten Weltkriegs hat der französische Politikwissenschaftler Alfred Grosser die Überwindung des Militarismus in Deutschland gewürdigt. Die Besonderheit Deutschlands vor 100 Jahren sei im Vergleich zu anderen Ländern der große Platz des Militärs in der Gesellschaft gewesen, sagte Grosser am Donnerstag im Berlin. Erst der Ausgang des Zweiten Weltkriegs habe das Land dann grundlegend verändert. Ein zentraler Unterschied zum Krieg von 1914 bis 1918 sei gewesen, „dass die totale Niederlage ein total anderes Deutschland vorgebracht hat“, sagte der 89 Jahre alte Grosser.

          Grosser verteidigte in seiner Rede die Forderung von Bundespräsident Joachim Gauck nach mehr deutschem Engagement in der Sicherheitspolitik. „Wer ihn dafür aus Ultrapazifismus kritisiert, übersieht, dass ohne die Landung in der Normandie und ohne die Rote Armee es keine freie Bundesrepublik geben würde.“ Er rief die Abgeordneten dazu auf, stolz zu sein auf ein Land, das sich heute auf Einigkeit, Recht und Freiheit berufe. Die Bundesrepublik sei und bleibe ein Sonderfall in Europa: „Sie ist nämlich nicht auf dem Prinzip der Nation aufgebaut worden, sondern auf Grund einer politischen Ethik der doppelten Ablehnung von Hitler in der Vergangenheit und Stalin in der Nachbarschaft.“ Leider habe das deutsche Beispiel die anderen Staaten und Nationen kaum angesteckt, ergänzte Grosser.

          Geboren in Frankfurt, geflohen 1933

          Anschließend beschwor Bundestagspräsident Norbert Lammert die Suche nach friedlichen Lösungen in aktuellen Konflikten. „Wir haben sehr viel später daraus gelernt, dass militärische Maßnahmen grundsätzlich kein geeignetes Mittel politisch gewollter Veränderungen sind“, sagte Lammert. Deutschland sei verpflichtet, sich um friedliche Konfliktlösungen zu bemühen. Niemand in Europa habe eine größere Verantwortung dazu, sagte Lammert weiter. Es nehme seine international geforderte Rolle für Frieden, Menschenrechte und Freiheit aber zögernd und mit erkennbarer Zurückhaltung wahr. Dennoch werde die Notwendigkeit von Bündnissen nicht infrage gestellt, fuhr Lammert mit Blick auf die Ukraine fort. Mit der Annexion der Krim werde erstmals seit dem Ersten Weltkrieg wieder die Autorität von Staaten infrage gestellt. Trotz der Entschlossenheit, dies nicht hinzunehmen, wolle niemand einen Krieg.

          Der Politologe und Publizist Alfred Grosser (89) setzt sich seit vielen Jahren für die deutsch-französische Verständigung ein. Der Intellektuelle mit deutsch-jüdischen Wurzeln lehrte bis 1992 als Professor an der Pariser Elitehochschule Sciences Po (Institut d’études politiques de Paris). Zudem kommentierte er über Jahrzehnte das politische Geschehen und verfasste zahlreiche Bücher über Deutschland und Frankreich. Für seine Rolle als Mittler zwischen Deutschen und Franzosen wurde er vielfach geehrt. So erhielt er 1975 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

          Im Mai 2014 wurde er für seine langjährigen Bemühungen um die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland mit dem Henri-Nannen-Preis für das publizistische Lebenswerk ausgezeichnet. Grosser wurde am 1. Februar 1925 als Sohn eines jüdischen Kinderarztes in Frankfurt am Main geboren. Seine Familie floh 1933 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, wo der Vater kurz nach der Ankunft starb. Die Mutter erhielt 1937 mit ihren Kindern die französische Staatsbürgerschaft. Während des Zweiten Weltkrieges starb Grossers Schwester 1941 auf der Flucht vor den deutschen Besatzern an einer Blutvergiftung.

          Nach dem Krieg und seinem Politikwissenschaft- und Germanistikstudium begann Grosser, sich für die Aussöhnung der beiden Nachbarvölker zu engagieren. Der Wissenschaftler, der sich als christlich beeinflusster Atheist bezeichnet, vertritt die Auffassung, dass im Zusammenhang mit den Verbrechen in der NS-Zeit nicht von einer Kollektivschuld der Deutschen gesprochen werden könne. Nach dem Krieg habe er es als seine wichtigste Aufgabe angesehen, Mitverantwortung für die demokratische Entwicklung in Deutschland zu tragen.

          Im November 2010 löste ein Auftritt Grossers als Redner in der Frankfurter Paulskirche Kritik aus. In einer Gedenkstunde zur Erinnerung an die NS-Pogromnacht 1938 bekräftigte er seine kritische Haltung zur Besatzungspolitik Israels in den Palästinensergebieten. Die Menschenrechte seien unteilbar, unterstrich Grosser. Bereits in seinem 2009 erschienenen Buch „Von Auschwitz nach Jerusalem“ beschäftigte er sich mit der Frage, wie scharf Israel wegen seiner Besatzungspolitik kritisiert werden darf. Neben Bundesregierung, Abgeordneten und Spitzen der Verfassungsorgane nahmen rund 100 Botschafter und Gesandte an der Gedenkstunde teil.

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