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Ausstellung zum Ersten Weltkrieg : Damals, als wir Hunnen waren

Trockenübung mit angefeuchteter Kehle: Deutsche Soldaten posieren in März 1916 in Belgien mit ihren Gasmasken. Bild: Heidusch/DHM

Die Bundeskanzlerin hat die wichtigste Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in diesem Jahr eröffnet. Was taugt die Schau zum Ersten Weltkrieg?

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          Plötzlich blickt man in den Lauf eines Maschinengewehrs. Es steht am Ende des Ganges, der den Eingangssaal der Weltkriegsausstellung im Deutschen Historischen Museum mit den Themenräumen im Inneren verbindet, ein paar Meter hinter einer Vitrine mit der blauen Uniformjacke mit roter Borte und Messingknöpfen, die Karl Liebknecht während seiner Dienstzeit beim Berliner Garde-Pionier-Bataillon trug. Das MG 08, eine Weiterentwicklung der amerikanischen Maxim Gun, gehörte zur Standardausrüstung des deutschen Heeres im Ersten Weltkrieg, es feuerte 450 Schuss pro Minute bis viertausend Meter weit, war aber mit 78 Kilogramm Gewicht für den Stellungswechsel bei Angriffsoperationen zu schwer. Ab 1917 wurde es durch das gut fünfzig Kilo leichtere Modell 08/15 ergänzt, das bei den deutschen Frühjahrsoffensiven von 1918 und später im Zweiten Weltkrieg derart massenhaft zum Einsatz kam, dass seine Typennummer im Deutschen zum Inbegriff des Alltäglichen und Gewöhnlichen wurde.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nullachtfünfzehn. Damit ist zugleich die Gefahr benannt, in der jede Ausstellung über den Krieg, und zumal den Ersten Weltkrieg, schwebt: die Gefahr, bloß Bekanntes zu zeigen, Klischees zu bestätigen, Banalitäten zu bebildern. Denn man weiß ja auf Anhieb, wie das große Schlachten aussah, jedes Wort ruft wie von selbst die Bilder herauf: Schützengraben, Trommelfeuer, Gasangriff, Drahtverhau. Das alles haben wir gesehen, im Fernsehen und in Museen, auch in der Dauerausstellung des DHM. Und es darf auch jetzt nicht fehlen, zum hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs, mit dem nach vierzigjähriger Friedenszeit die Selbstzerstörung Europas begann. Es darf nur nicht den Blick versperren auf die andere, die größere Wirklichkeit dieses Krieges, der eben nicht nur ein Kampf um flandrische Dörfer, sondern ein echter Weltkrieg war, auch wenn er zuletzt in Flandern entschieden wurde.

          Symbole des sinnlosen Ringens ohne Sieger

          Die Kuratoren des DHM haben das begriffen. Deshalb zeigen sie nicht nur Liebknechts Waffenrock - neben vielen anderen militärischen Kleidungs- und Ausrüstungsstücken -, sondern auch eine auf Arabisch verfasste Lagerzeitung, mit der muslimische Kriegsgefangene im Deutschen Reich ermuntert wurden, sich zum Dschihad gegen die Briten an der türkischen Front im Irak zu melden. Den Gemälden und Schriftzeugnissen zur Durchbruchsschlacht bei Gorlice-Tarnow stellen sie Fotos gegenüber, die die administrative Erfassung der polnischen Zivilbevölkerung durch die siegreichen Deutschen und Österreicher dokumentieren.

          In der Sektion, die vom Ende des Zarenreichs und der Oktoberrevolution erzählt, erinnern sie an das Schicksal der Tschechischen Legion, die auf der Suche nach einer Front, an der sie für die Westmächte kämpfen konnte, zwischen Wladiwostok und Murmansk herumirrte. Und im Ausstellungsraum zu Verdun präsentieren sie nicht nur einen Flammenwerfer und den angeblichen Schlüssel zum Fort Douaumont, das zum Symbol des sinnlosen Ringens ohne Sieger wurde, sondern auch die Orden des deutsch-jüdischen Fliegeroffiziers Paul Stadthagen, der mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse dekoriert wurde. Sein Status als Kriegsveteran bewahrte Stadthagen im „Dritten Reich“ nicht vor der Deportation nach Theresienstadt. Dort starb er im Februar 1943 an Krankheiten und Erschöpfung.

          Aber mit derselben Bewegung, mit der die Ausstellung den Blick des Besuchers auf das globale Kriegsgeschehen weitet, engt sie ihn auch wieder ein. Denn das DHM hat sich, anders als in der Vorgängerschau vor zehn Jahren, gegen eine Gliederung nach Themen und Stichworten entschieden. Statt dessen soll anhand von vierzehn ausgewählten Schauplätzen, von Tannenberg bis Amiens und Berlin, der Verlauf des Krieges als Stationendrama abgehandelt werden. Das führt dazu, dass jeder allgemeinere Aspekt mehr oder minder zwanghaft an eine der Stationen angekoppelt wird: der Gaskrieg an Ypern, die Materialschlacht an Verdun, der Armenier-Genozid an Gallipoli, die alliierte Kriegspropaganda gegen die „Hunnen“ an Brüssel und so fort.

          Zersplitterung statt Vollständigkeit

          In dieser Zwangsgemeinschaft von Topos und Thematik geht oft gerade das verloren, was den Reiz historischer Museen überhaupt ausmacht, die Aura der Objekte. Sicher, es ist interessant, auf einem Plakat in der Sektion zu Gorlice-Tarnow zu erfahren, dass schon Ende 1916 eine Ausstellung in Berlin die Erfolge der deutschen Besatzer bei der Obstzucht in den frisch eroberten Gebieten Weißrusslands feierte. Und es ist immer wieder erhebend, wenn auch mit abnehmender Intensität, den von einer feindlichen Kugel durchlöcherten Stahlhelm Ernst Jüngers aus Marbach und daneben den Beutehelm eines weniger glücklichen britischen Offiziers aus Jüngers Militariasammlung zu betrachten.

          Aber auf Dauer stellt sich beim Gang durch die vierzehn Ortstermine des DHM eben nicht der Eindruck von Vollständigkeit, sondern von Zersplitterung ein. Die Exponate wirken wie eingesperrt, der Versuch, die Dynamik des vierjährigen Ringens um die Vormacht in Europa darzustellen, scheitert an der Starrheit der Ausstellungskonzeption. Die Themen Front- und Lagerleben sowie See- und Handelskrieg haben trotz aller Mühen dennoch nicht mehr in die vorgegebenen Schubladen gepasst, sie werden in Nebenräumen abgehandelt. In einer der Vitrinen zum Seekrieg liegt der Südwester des U-Boot-Kommandanten Otto Weddigen, der im September 1914 mit U-9 drei britische Panzerkreuzer versenkte. Die Heldenverehrung, die Leute wie Weddigen nach dem Krieg genossen, wäre ein eigenes Ausstellungskapitel wert gewesen, genauso wie die Weiterentwicklung der Panzer- und Fliegertechnik, die in Deutschland und bei den Westmächten zu jeweils unterschiedlichen Ergebnissen führte.

          Der Weltkrieg - halbwegs gestemmt

          Aber auch diese Gelegenheit, aus dem Schützengraben ihres Konzepts in die geschichtliche Wirklichkeit aufzusteigen, haben die Kuratoren verstreichen lassen. Immerhin kann man sich auf einem „Medientisch“ ausführlich über die Rolle der Vereinigten Staaten als Kreditgeber und Rohstofflieferant für die Entente, die Nahrungsmittelknappheit bei den Mittelmächten, den Einsatz von Kolonial- und Zwangsarbeitern und die Schrumpfung der Goldreserven bei fast allen Kriegsbeteiligten informieren. Es sagt viel über die Ausstellung, wenn eine Medienstation einen stärkeren Eindruck hinterlässt als die historischen Originale. An diesem Ort, bei diesem Thema ist das kein Verdienst, sondern ein Armutszeugnis.

          Vor zehn Jahren genügten zwei Kuratoren, um im DHM auf zwei Geschossen und fünfzehnhundert Quadratmetern „Ereignis und Erinnerung“ des Weltkriegs auszubreiten. Jetzt aber waren nicht weniger als sieben Kuratoren und zwei Praktikanten nötig, um auf elfhundert Quadratmetern ein kleinteiligeres und nicht weniger fragmentarisches Panorama zu bestücken. Das Deutsche Historische Museum, scheint es, schöpft aus dem Vollen, aber mit letzter Kraft. Seit mehr als einem Jahr ist das Haus innerlich zerstritten, gelähmt durch den Zwist zwischen dem neuen Direktor Alexander Koch und einer Gruppe von Mitarbeitern, zu der viele der besten Historiker am DHM gehören. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat einen Mediator berufen, um den Streit zu schlichten, bisher freilich ohne Erfolg.

          Die Ausstellung zeigt nun, dass das DHM die großen Jubiläumsthemen immer noch halbwegs stemmen kann - aber nicht viel mehr. Mit dem Ersten Weltkrieg und dem „Targets“-Fotoprojekt von Herlinde Koelbl hat das größte deutsche Geschichtsmuseum sein Pulver für dieses Jahr verschossen. Wie es nun weiter geht, muss die Politik entscheiden.

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