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Frankfurter Zeitung 24.08.1918 : Granaten aus Bismarcks Kopf

  • Aktualisiert am

Das Bismarckdenkmal in Frankfurt auf einer Bildpostkarte aus dem Jahr 1909 Bild: Picture-Alliance

In Frankfurt werden Denkmäler eingeschmolzen – zu Munition für den Krieg. Manch einer trauert den Kunstwerken nach, andere sind froh, dass sie weg sind.

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          Im gestrigen Abendblatt ist an anderer Stelle mitgeteilt worden daß eine Anzahl von Frankfurter Denkmälern und Brunnen für den Krieg mobil gemacht werden soll. Gegen die Einschmelzung des Rinz-Denkmals, des Sömmerring-Denkmals, des Schützenbrunnens, des Kriegerdenkmals auf dem Peterskirchhof, des Bacchus-Brunnens, der Bronzeteile des Märchenbrunnens und der Bronzefiguren am Rathaus ist nichts zu sagen. Frankfurt wird an seinem künstlerischen Besitz durch ihre Umwandlung nicht trostlos verarmen, auch können von den wertvollen Denkmälern Abgüsse gemacht werden, die eine spätere Wiederherstellung möglich machen. Für die Erhaltung zweier weiterer Denkmäler, des Heine-Denkmals und des Bismarck-Denkmals, hat sich dagegen die Stadt eingesetzt. Wer ist das: die Stadt? Die Bürger sind die Stadt! Die aber sind nicht befragt worden und auch ihre Vertreter sind nicht zu Rate gezogen worden.

          Wir glauben nicht, daß die Bürgerschaft in ihrer Gesamtheit der Einschmelzung der beiden Denkmäler widerstrebt hätte. Das Heine-Denkmal kann später erneuert werden, denn sein Schöpfer lebt noch und kann es auf Grund eines Abgusses wiederholen. Es steht dem Dichter, der gesagt hat: „Deutschland hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land“ wohl an, in Granatenform für Deutschland einzutreten. Deutsche Pietät wird schon für seine Auferstehung sorgen. Aber das Bismarck-Denkmal? Wir haben die günstigste Gelegenheit, es loszuwerden. Seine Freunde rühmen die gelungene Einfügung in die landschaftliche Anlage, den architektonischen Rahmen. Als Kunstwerk sagt uns das Bismarck-Denkmal heute nichts mehr. Es ist kein Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit des Reichschöpfers, sondern ein ungeheurer Tafelaufsatz mit einer Silhouette, der als Plastisierung des Bismarck-Wortes: „Setzen wir Deutschland in den Sattel, reiten wird es schon können!“ höchstens für bescheidene Gemüter einen anekdotischen Reiz hat.

          Wir wollen diese unruhige, von billigstem Patriotismus erfüllte Gruppe, den Kürassier Bismarck samt Roß und Germania und zertretenem Lindwurm gern hergeben. Mit seiner Erhaltung wird weder der Kunst noch der wahren Pietät gedient. Die klammert sich nicht an ein mißlungenes Denkmal! Nach dem Kriege wollen wir ein neues Bismarck-Denkmal haben, eines, um das uns die anderen deutschen Städte beneiden sollen, einen Bismarckkopf, der die Bedeutung dieses überhöhten Mannes seiner Zeit in Erz oder Stein in wahrhaft monumentalen Zügen verdichtet, wie etwa der Bismarck-Kopf Hildebrandts im Städel es tut. Bis dahin wollen wir uns mit dem Sockel des Denkmals begnügen und aus ihm selbst die Granaten drehen, die das Vaterland nötig hat.

          Das Kaiser Wilhelm-Denkmal am Opernplatz ist in der Frankfurter Liste überhaupt nicht erwähnt. Es liegt kein Grund vor, zaghaft vor ihm Halt zu machen. Seine künstlerische Bedeutung ist gering und seine Erzmasse wird viel bedeutender sein als die der kleinen für die Einschmelzung ausgewählten Denkmäler. Rücksichten auf die Dynastie aber haben hier nicht mitzureden. Wir glauben, daß keiner der in Deutschland in Erz verewigten Hohenzollern ein Recht hat, in segnender oder dräuender Pose stehenzubleiben, wenn jede deutsche Familie den letzten Kupfertopf und die letzte Messingklinke opfern muß, um dem Vaterlande zu helfen. Ganz abgesehen davon, daß die meisten der in den letzten Jahrzehnten entstandenen durch ihr Verschwinden zur künstlerischen Reinigung Deutschlands erfreulich beitragen würden. 

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 26. August 2018.

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