https://www.faz.net/-gpf-9b393

Frankfurter Zeitung 01.10.1918 : Eine Regierung des Volkes

  • Aktualisiert am

Max von Baden (1867 - 1929) sollte der letzte Reichskanzler des deutschen Kaiserreichs werden. Bild: Picture-Alliance

Ein Land im Umbruch: Deutschland wird demokratisch, als Nachzügler in Europa. Es wird allerhöchste Zeit.

          5 Min.

          Frankfurt, 1. Oktober

          In einer wahrhaft welthistorischen Stunde vollziehen sich in Deutschland politische Veränderungen, die dem Augenblick angemessen sind. Denn mit dem Regierungswechsel, der gestern eingeleitet worden ist, vollzieht sich die politische Modernisierung Deutschlands. Die Kanzlerschaft des Grafen Hertling war eine Stufe dazu, aber eben nur das, ihrem Wesen nach eine Halbheit. Nun zum ersten Male soll die Reichsregierung ganz und gar eine Regierung des Volkes sein. Dieses Volk, unser deutsches Volk muß sich der außerordentlichen Bedeutung des Augenblicks bewußt sein, und vor allem mögen es diejenigen Männer sein, die nun die Aufgabe haben, dem Neuen die erste Gestaltung zu geben. Es ist ein langer Weg, der dazu geführt hat, und man mußte durch ein unerhörtes Leiden gehen, bis die Reise erfüllt war. Aber nun ist sie da.

          Als das deutsche Volk im Beginne des Krieges inne wurde, daß sich in der Welt eine maßlose Abneigung gegen deutsches Wesen eingefressen hatte, als dies offenbar wurde in einer Flut von Beschuldigungen, Beschimpfungen, Verdrehungen, Lügen, da begriff man das zunächst gar nicht. Aber man hat Zeit gehabt, darüber nachzudenken, und man weiß nun Bescheid. Man hat sich natürlich darin nicht irre machen lassen, daß die Behauptungen der Gegner zum Teil völlig grundlos, zum Teil außerordentlich übertrieben sind, aber auch diejenigen, die es noch nicht wußten, haben eingesehen oder hätten wenigstens einsehen können, daß die tatsächlichen Vorzüge, die Deutschland auszuweisen hatte, nicht ausgereicht haben, ihm ein Ansehen in der Welt zu verschaffen, das andere Staaten hatten, die in manchen Einrichtungen hinter Deutschland zurückstanden.

          Deutschland hatte ein Reichstagswahlrecht, das zwar nicht vollkommen, aber sicherlich besser war als das englische Wahlrecht. Deutschland hatte eine Ordnung in der Verwaltung wie kein anderes Land der Welt. Deutschland hat einen Gewerbefleiß entwickelt, der wenn er auch Konkurrenzneid erweckte, doch auch hohe Achtung vor der Tüchtigkeit seines Volkes hätte schaffen müssen. Aber als der Krieg ausbrach und die Völkerstimmen ertönten, da war es, als ob die Hölle gegen das Deutsche Reich losgelassen sei, nur daß eben die anderen behaupteten, daß Deutschland der Teufel sei, den diese reinen Engel zu besiegen hätten.

          Eine solche Erscheinung hat natürlich nicht bloß eine Ursache. Sicherlich spricht dabei z.B. der Konkurrenzneid eine große Rolle. Aber es wäre eine heute nicht mehr statthafte Kurzsichtigkeit, zu übersehen, daß die politischen Zustände Deutschlands für sein Ansehen in der Welt oder richtiger für das Gegenteil von größter Bedeutung gewesen sind. Die Sachlage war eben die, daß sich fast die ganze Welt demokratisiert hatte, Deutschland aber die Ausnahme war – neben Rußland, dem zaristischen Rußland. Denn auch Oesterreich, dessen politische Zustände im übrigen gewiß nichts weniger als verlockend waren, hatte sich doch schon der parlamentarischen Demokratisierung mehr genähert.

          Nun sind wir gewiß weit davon entfernt, die westlichen Demokratien für Idealbilder zu halten. Man weiß, die brüchig der englische Parlamentarismus, noch mehr der französische ist, welche Schatten der amerikanische aufweist, und wenn wir einen deutschen Parlamentarismus erwarten, so hoffen wir, daß er sich von Fehlern besser freihalten werden. Man darf das mit Grund hoffen, denn tüchtig, wie das deutsche Volk ist, wird es auch einen tüchtigeren Parlamentarismus schaffen als es andere vermochten. Aber tatsächlich haben doch alle Mängel der feindlichen Demokratien nichts daran geändert, daß sie vor der Welt als Staaten galten, in denen der Wille des Volkes die Richtung gebe, und danach gewertet wurden. Man hat sich in der ersten Kriegszeit nicht genug wundern können, daß England so viel Sympathie in der Welt finde, dieses England, das doch wahrhaftig genug auf seinem Gewissen hat und in dem Kriege nach alter Gepflogenheit sogleich wie ein Seeräuber auftrat. Man fand es unbegreiflich, daß sich die Völker der Erde von England so viel gefallen ließen und uns gegenüber so empfindlich waren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.