https://www.faz.net/-gpf-9azv7

Frankfurter Zeitung 30.09.1918 : „Zum Kampf für innere und äußere Freiheit!“

  • Aktualisiert am

Zeitgenössische Aufnahme von Georg Freiherr von Hertling (1843 - 1919). Bild: Picture-Alliance

Deutschland ist in Aufruhr, der Stuhl von Reichskanzler Hertling wackelt gewaltig. Kommt es zum Systemwechsel im Reich?

          4 Min.

          Schneller, als man es noch vor wenigen Tagen zu erwarten hatte, schneller auch, als Graf Hertling selbst es wohl geglaubt hat, reift die innerpolitische Krise der Entscheidung entgegen. Der Siegesjubel und die wild gesteigerten Hoffnungen der Gegner, und sehr viel ernster noch ihr ungeheuerlicher Ansturm gegen die Front im Westen, die die deutsche Heimat vor dem Einbruch der feindlichen Waffen schützt, zeigen uns mit furchtbarem Ernste, daß Deutschland heute um alles, um Dasein und Zukunft ringt. Höchste Anspannung aller Kräfte ist heute die Losung. Und der Politik erwächst die Riesenaufgabe: durch die Lösung, die sie für die innerpolitische Krise zu suchen und zu finden hat, in den großen Waffen des Volkes noch einmal und überwältigender als je zuvor den Aufruhr der Seele zu schaffen, der zu solcher äußerster Hergabe aller noch vorhandenen Kraftreserven befähigt.

          Klar ist, daß die Vorbedingungen dafür die in den breitesten Volksschichten zu weckende Ueberzeugung sein muß: daß es um ihren Staat, um ihr Deutschland gehe – nicht um den Staat kleiner privilegierter Schichten, nicht um die Domäne alter, in der Macht eingesessener Obrigkeiten und Autoritäten, sondern wirklich um den Staat des Volkes, der eine Sache aller sein soll, der allem als die höchste Organisation ihres Volkswillens erscheinen kann, über dessen Gestaltung das deutsche Volk entscheidet, wie es sich jetzt für ihn opfert, entscheidet nicht nur jetzt in der Stunde höchster Gefahr, sondern auch später, wenn der Friede wiederkehrt – die deutsche Demokratie für alle Zukunft! Das gilt es festzustellen.

          Und wer es gut meint mit Deutschland, wer den Ernst der Stunde fühlt, der kann nicht zweifeln: um dies festzustellen, um den große Wandel sichtbar und überzeugend zu machen für alle Welt, genügen kleine Mittel nicht mehr, genügt nicht mehr ein Personenwechsel hier und die Abstellung eines Einzelschadens da. Auch halbe Maßregeln reichen nicht mehr: die „kleine Parlamentarisierung“, wie die Einsetzung der Regierung Hertling vor elf Monaten sie bedeutete, hat versagt, weil sie die Schwäche der Halbheit in sich trug – und groß ist die Enttäuschung und der Zorn in sehr weiten Volksschichten heute über dieses Versagen, über die Mißleitung der Politik durch die anderen Machtfaktoren, die stärker waren als die Reichstagsmehrheit, über falsche Hoffnungen und darüber, daß Unterschätzung des Gegners und Überschätzung der eigenen Kraft maßgebend unser Schicksal bestimmen durften! Ganze Maßregeln tun not: statt der halben die ganze Parlamentarisierung, die Neubildung der Regierung in wirklicher, vollständiger Uebereinstimmung mit der festzusammenzuschließenden Reichstagsmehrheit und die maßgebende, verantwortliche Teilnahme aller Parteien dieser Mehrheit, auch der Sozialdemokratie, an dieser neuen Regelung.

          Der Artikel 9 kann dem Bundesrat gefährlich werden

          Wird es jetzt schnell, so schnell wie es not tut, zu diesem Systemwechsel kommen? Graf Hertling scheint ihm mit seiner Person kein Hindernis mehr bereiten zu wollen: wie er vor elf Monaten ein Opfer brachte, als er die Bürde des Kanzleramtes auf seine schon von der Last der Jahre gebeugten Schultern nahm, so hat er sich jetzt wohl auch zu dem weiteren Opfer entschlossen, das Amt zu verlassen, um es für einen neuen Mann frei zu machen, der mehr als er mit dem neuen dem Zukunfts-Deutschland fühlen und stärker als er dessen Forderungen gegen alle Widerstände durchsetzen soll. Aber noch sind die Widerstände groß.

          Weitere Themen

          Beginn der Libyen-Konferenz Video-Seite öffnen

          Berlin : Beginn der Libyen-Konferenz

          Ziel ist es, dass Vertreter aus mehreren Staaten im Bundeskanzleramt einen Weg für einen dauerhaften Waffenstillstand und einen politischen Prozess zur Lösung des Konflikts in dem Bürgerkriegsland ebnen.

          Topmeldungen

          Berliner Fashion Week : Unterschätzt dieses Handwerk nicht

          Zum ersten Mal war unsere Autorin auf einer Modenschau. Neugierig und voller Vorurteile tauchte sie in die Welt der Mode ab. Was sie auf der Fashion Week sah, hat sie bewegt, auf eine andere Art, als sie vorher dachte.
          Meghan und Harry: Künftig halb royal, halb normal?

          Aussteigerphantasien : Wir machen die Meghan!

          Ausbrechen aus einem vorgezeichneten Leben: Das Herzogspaar von Sussex zeigt, wie es geht. Andere werden ihnen folgen. Ein satirischer Blick in die nahe Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.