https://www.faz.net/-gpf-8ra31

Frankfurter Zeitung 27.05.1917 : Der Abgang des Grafen Tisza

Graf Stephan Tisza (Mitte) bei einem Frontbesuch. Nachdem er bei Kaiser Karl I. in Ungnade gefallen war, musste er zurücktreten. Aufnahme von 1915. Bild: Picture-Alliance

Graf Tisza muss gehen. Der ungarische Ministerpräsident hatte sich zuvor mit Kaiser Karl I. überworfen. Wie es zum Bruch kam, steht in der Frankfurter Zeitung vom 27. Mai 1917.

          5 Min.

          Wien, 24. Mai.

          Der Oststurm, der seit der russischen Revolution über die europäischen Länder fegt, hat auch die stärkste Eiche der österreichisch-ungarischen Politik entwurzelt. Graf Stefan Tisza, der Führer der ungarischen Parlamentsmehrheit und fast bis zur letzten Stunde der einflußreichste Staatsmann der Monarchie, hat seine Demission geben müssen, die unverweilt angenommen wurde.

          Der konstitutionellen Übung entspricht dieser Vorgang nicht; aber er widerspricht ihr auch nicht in einer Weise, daß kein Präzedenzfall dafür anzuführen wäre. Auch Weckerle mußte seinerzeit gehen, obgleich seine Majorität fest zu ihm stand. Er hatte das Vertrauen des Monarchen verloren, und ungarische Parlamentsmehrheiten sind schon infolge ihrer Herkunft nicht in der Lage, ihre Führer gegen den Willen der Krone zu halten. Das galt zu Lebzeiten des Kaisers Franz Josef, der in seiner langen Regierungszeit sich auch persönlich eine überragende Autorität erworben hatte, es gilt aber auch unter dem jungen Monarchen, der heute die Zügel in noch unerprobter Hand hält: Beweis genug dafür, daß eine künstliche Parlamentsmehrheit, die nicht dem Volkswillen, sondern der Regierungsmaschine entstammt, nur so lange ein Machtfaktor ist, als sie der obersten Machtquelle im scheinkonstitutionellen Staate, der Krone, genehm ist.

          Graf Stefan Tisza, dem es an Willenskraft und Überzeugungsstärke wahrlich nicht fehlt, hat auch gar nicht den Versuch gemacht, dem Entschluß der Krone irgend welchen Widerstand entgegensetzen, wie es seinerzeit noch sein Vater und die geschlossen hinter ihm stehende Majorität tat, als zum ersten Male Graf Khuen-Héderváry mit dem Auftrag von Agram nach Budapest kam, die enthauptete Mehrheit wie ein neuer Geschäftsführer zu übernehmen. Damals lagen die Dinge eben anders. Regierungspartei und äußerste Linke waren einig und entschlossen, die kirchenpolitischen Reformen durchzuführen, und Widerstand leisteten nur eine schwache klerikale Minderheit, der Wiener Hof und die klerikale Gruppe des Magnatenhauses. Vorsichtige Abschätzung der Kräfte ließ es den Monarchen nicht ratsam erschienen, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Heute hat Graf Tisza wohl die ziffernmäßige Mehrheit hinter sich – auch nur so lange, als er ihr „Brotherr“ ist –, aber die öffentliche Meinung des Landes ist gegen ihn, teils weil seine despotische Art allmählich zu viel persönliche Feindschaft gegen ihn erweckt und angesammelt hat, teils auch, weil er für eine verlorene Sache kämpft, und zwar mit derselben despotischen Intransigenz, die den Widerspruch geradezu herausfordert, statt ihn zu umgehen und abzuschwächen. Graf Tisza hätte sich noch halten können, obwohl seine Stellung längst erschüttert war, wenn er der Forderung des Tages nur irgend welche nennenswerten Zugeständnisse zu machen bereit gewesen wäre. Er hat das verschmäht und tritt ungebeugten Hauptes von der Ausübung der so heiß geliebten Regierungsmacht zurück. Das ehrt ihn als Mann und erhält ihn auch als Kraftreserven für den Staat und sein Volk; aber es führt seine Sache nicht zum Siege, und das ist es doch, was ein Mann von Überzeugung selbst unter persönlichen Opfern anstreben muß.

          Weitere Themen

          Gespräche über Ukraine ohne Ergebnisse Video-Seite öffnen

          USA und Russland : Gespräche über Ukraine ohne Ergebnisse

          Keine Verhandlungen sondern ein Austausch von Positionen lautet das Fazit des US-Außenministers Blinken. Er und sein russischer Amtskollege Lawrow trafen sich in Genf, um dort vor allem über die Situation der Ukraine zu diskutieren.

          Topmeldungen

          Strenge Kontrollen: Teststation in Zhengzhou am 15. Januar

          Omikron in China : Post aus dem Ausland? Ab zum PCR-Test!

          Die chinesische Seuchenschutzbehörde ist in Erklärungsnot. Trotz strenger Maßnahmen gibt es immer wieder Corona-Ausbrüche. Die Schuld daran gibt sie dem üblichen Verdächtigen: dem Ausland.
          Pierin Vincenz im Februar 2015

          Schweizer Wirtschaftskrimi : Auf Spesen ins Striplokal

          Dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drohen bis zu sechs Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Banker gewerbsmäßigen Betrug und Veruntreuung vor. In der Anklage geht es nicht nur um Ausflüge in Rotlichtbars.
          EZB-Präsidentin Lagarde

          EZB-Präsidentin : Lagarde: Wir haben die Inflation unterschätzt

          Die EZB-Präsidentin hebt beim Weltwirtschaftsforum hervor: Die Notenbank müsse jetzt zumindest offen bleiben für Änderungen des Inflationsausblicks. Von anderer Seite gibt es heftige Kritik.
          Friedrich Merz im Deutschen Bundestag

          Wahl des neuen Vorsitzenden : Wohin führt Merz die CDU?

          Im dritten Anlauf erreicht Friedrich Merz endlich sein Ziel: Am Samstag wird er Bundesvorsitzender der CDU. Bis zu den anstehenden Landtagswahlen muss er eine Richtung vorgeben. Aber welche?