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Frankfurter Zeitung 27.05.1917 : Der Abgang des Grafen Tisza

Nur eines ist derzeit sicher, Graf Tisza geht, und das ist zweifellos eine Entlastung der politisch-parlamentarischen Situation. Ob ein Konzentrationskabinett aus der Regierungspartei und den gemäßigten Oppositionsgruppen gebildet oder das Haus aufgelöst und eine neue Mehrheit gesucht wird, steht noch nicht fest. Wahrscheinlicher ist das erstere. Graf Tisza aber bleibt nach wie vor eine der mächtigsten Gestalten der ungarischen Politik, und wenn es wahr ist, daß er seine Stellung erst unterhöhlt hat, als er hartnäckig darauf bestand, daß er, der Kalviner, den Palatin bei der Königskrönung vertrete, damit nicht ein stillschweigendes Vorrecht der Katholiken in Ungarn neu geschaffen werden, hat er sich nur ein neues Verdienst um sein Land erworben sich für eine gute Sache zum Opfer gebracht. Selbst seine geschworenen Gegner werden diesen unbeugsamen, furchtlosen, starken Mann nicht missen wollen, wenn jede Machtstellung Ungarns, aus welchen Gründen immer, bedroht sein sollte. Weniger Grund, ihn betränten Auges ziehen zu sehen, haben die Anhänger des mitteleuropäischen Gedankens. Denn Graf Tisza ist zwar ein zuverlässiger Anhänger des mitteleuropäischen Bundes, wie er jetzt besteht, aber entgegen der allgemeinen Annahme ist gerade er kein Freund eines weitergehenden mitteleuropäischen Zusammenschlusses, wie ihn die Aufgaben der nächsten Zukunft erfordern. Auch da steht ihm sein sehr tief wurzelnder magyarischer Nationalismus im Wege.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 30. Mai 2017.

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