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100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen : Wurzel des Nahostkonflikts

„Brutstätte für einen neuen Krieg“

Die Kolonialmacht Großbritannien war unehrlich. Sie versprach die Levante gleich drei Parteien: 1915 in der Korrespondenz von McMahon mit Hussein den Arabern; 1916 teilten London und Paris das Gebiet unter sich auf; und am 2. November 1917 versprach der britische Außenminister Balfour in einem Brief, den Mark Sykes vorbereitet hatte, Chaim Weizmann, dem späteren Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, dass Großbritannien die Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ unterstütze. Ein Motiv dazu war, einen weiteren Puffer für den Suezkanal zu haben und einen weiteren Brückenkopf zur Wahrung britischer Interessen einzurichten.

Als die Araber dies erfuhren, wollten sie die Allianz mit Großbritannien aufkündigen; der Krieg war jedoch schon zu weit fortgeschritten. Ein weiterer Schock war, als nach der Oktoberrevolution in Russland die neuen bolschewistischen Machthaber das Sykes-Picot-Abkommen, an dem das zaristische Russland am Rande beteiligt gewesen war, am 23. November 1917 bekanntmachten. Gleichzeitig verzichteten die Bolschewiken auf die Russland zugesagten Gebiete im östlichen Anatolien.

Als Außenminister Balfour dem außenpolitischen Berater des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, Edward House, von Sykes-Picot und dem Brief an Weizmann berichtete, soll der gesagt haben: „So schaffen sie eine Brutstätte für einen künftigen Krieg.“

 Thomas Lawrence

Die Skepsis war nur allzu berechtigt. Der Historiker Barr bezeichnet die Sykes-Picot-Linie als eine „akademische Übung“, die „keine Blaupause für eine Regierung“ sei. Mit der Zerstörung des Osmanischen Reichs seien die Westeuropäer zu Besatzern in der Region und für sie verantwortlich geworden. „Nun regierten Christen über Muslime.“ Kolonialbeamte, die die Region nicht kannten, zogen Grenzen, die den Interessen der Kolonialmächte folgten; Kunststaaten wie Syrien, der Irak und Jordanien wurden geschaffen.

Diese Gebiete waren unter osmanischer Herrschaft relativ friedlich gewesen. Die Osmanen hatten durch eine kleinteilige Aufteilung des Gebiets Konflikten vorgebeugt, die entstehen, wenn viele unterschiedliche Gruppen in einem Staat zusammenlebten. Zudem wurden die kleinen Einheiten effizienter verwaltet. Die Kolonialmächte hatten das nicht begriffen: Sie legten drei osmanische Provinzen zusammen und nannten das Gebilde dann Irak. Drei andere Provinzen hießen nun Syrien, ohne dass es solche Nationen gegeben hätte. Um diese künstlichen Gebilde zusammenzuhalten, bedurfte es erst der Kolonialstaaten, dann repressiver Diktaturen. Als diese wegfielen, stürzte die Region in Krieg und Chaos. Der Westen versucht zwar, die alte Ordnung in den hundert Jahre alten Grenzen zu retten. Eine neue, stabile Ordnung, die an Sykes-Picot anknüpfen könnte, zeichnet sich aber nicht ab.

Am Ende geschlagen: Osmanische Soldaten auf einem Foto unbekannten Datums bei einer Militärparade in den Straßen von Damaskus.
Das Sykes-Picot-Abkommen hat den Grundstein für viele der Konflikte gelegt, die noch heute die Region und die Welt beschäftigen.

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