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100 Jahre erster Weltkrieg (8) : Großwildjagd im Osten

  • -Aktualisiert am

Zur Strecke gebracht: Ein erlegtes Wisent und ein Keiler, im Hintergrund links die Jäger Bild: Bibliothek für Zeitgeschichte, Stuttgart

Nicht nur für die Menschen, auch für die Natur hatte der Erste Weltkrieg verheerende Folgen. Ein Beispiel: der Urwald von Białowieża in Polen. Wisente und uralte Bäume fielen Wilderern und Soldaten zum Opfer.

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          Fast verschwindet die mit Jagdhörnern und Notenständer ausgestattete Gruppe deutscher Soldaten hinter einem Leiterwagen. Davor wird die Ausbeute einer Jagd präsentiert: ein Wildschwein und ein Wisent. Das Wildschwein wirkt im Vergleich zum Wisent klein, der massige Kadaver des europäischen Bisons dominiert das Bild.

          Erlegtes Wild, zumal solch urwüchsiges, ist ein ungewöhnliches fotografisches Motiv in einem Krieg, der heute vor allem mit dem Grabenkrieg und den industrialisierten und hochtechnisierten Materialschlachten der Westfront in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich stellte die Jagd jedoch insbesondere in den waldreichen Gebieten, die deutsche Truppen an der Ostfront besetzt hielten, eine willkommene Abwechslung zum Frontalltag dar. Briefe und Aufzeichnungen von Militärs zeugen vom Freizeitvergnügen der Jagdgesellschaften, deren Beute den Speiseplan in den Kasinos verbesserte.

          Auch die Natur wird Opfer des Kriegs

          Ein besonderes Jagdrevier bildete der sogenannte Urwald von Białowieża im nordöstlichen Polen, das 1914 zum Russischen Reich gehörte. Dieser weitgehend unberührte Forst, durch den sich heute die polnisch-weißrussische Grenze zieht, war vor dem Krieg Jagddomäne der Zaren. Im Herbst 1915 wurde die Region von der deutschen 9. Armee erobert.

          Um die immensen Holzvorräte für die Kriegswirtschaft nutzbar zu machen, richtete das Armeeoberkommando eine Forstverwaltung ein. Unter der Leitung von Georg Escherich, der sich in der Vorkriegszeit als Fachmann für Forst- und Kolonialfragen einen Namen gemacht hatte, wurde Białowieża zur größten Produktionsstätte für Forstprodukte in den von Deutschland besetzten Gebieten. Jahrhundertealte Urwaldriesen fielen in großer Zahl dem immensen Holzbedarf der Front zum Opfer.

          Adlige und Unternehmer wurden zur Jagd geladen

          Gleichzeitig holte Escherich Wissenschaftler nach Białowieża, welche die einmalige Fauna und Flora des Urwaldes dokumentierten. Um die seltenen Tier- und Pflanzenbestände zu erhalten, wurden sogar ein Naturschutzgebiet eingerichtet und eine Jagdordnung erlassen. Dennoch reduzierte sich der Wisent-Bestand, der 1914 noch sechs- bis siebenhundert Tiere betragen hatte, während des Krieges merklich. Hierzu trug unter anderem bei, dass zahlreiche Adelige, Politiker, Militärs und Unternehmer zur Jagd nach Białowieża geladen wurden. Hohe Würdenträger wie Wilhelm II., Hindenburg oder der österreichische Thronfolger Karl durften auch Wisente erlegen.

          Im Zuge der Niederlage musste die deutsche Forstverwaltung Białowieża Ende 1918 verlassen. In der folgenden unruhigen Zeit bis zur Konsolidierung des polnischen Staates erlegten Wilderer die verbliebenen Wisente. Nachdem 1927 auch im Kaukasus die letzten Exemplare erlegt wurden, war der Europäische Bison, der noch im Mittelalter in weiten Teilen Europas gelebt hatte, in freier Wildbahn ausgestorben.

          Noch in der Zwischenkriegszeit setzten internationale Bemühungen ein, den Wisent zu retten. Mit Hilfe weniger Tiere, die in Zoos überlebt hatten, gelang es in den folgenden Jahrzehnten, neue Populationen aufzubauen und auszusetzen. Ein wichtiges Verbreitungsgebiet bildet wieder der Urwald von Białowieża, der heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

          Christian Westerhoff ist Leiter der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek.

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