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100 Jahre Erster Weltkrieg (1) : Als reife Männer neu geboren

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Im Sommer 1914 fuhr Guillaume Apollinaire aus der friedlichen Provinz nach Paris. Die Reise hinterließ Spuren in seinem Werk. Ein kurzes Gedicht lässt uns die Epochenwende spüren.

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          Am 26. Juli 1914, einen Monat vor seinem vierunddreißigsten Geburtstag, war der als Dichter noch kaum bekannte Guillaume Apollinaire mit einem Freund, dem Zeichner André Rouveyre, nach Deauville in der Normandie gereist, um über die Saison in dem modischen Seebad eine Chronik vorzubereiten. Fünf Tage später, am 31. Juli „kurz vor Mitternacht“, machten sich die beiden in dem „kleinen Auto“ von Rouveyre und dem Chauffeur auf den Rückweg, um am Nachmittag des 1. August in Paris anzukommen, wo gerade „die Plakate zur Mobilmachung“ an den Häuserwänden erschienen.

          Im Frühjahr 1918 veröffentlichte Apollinaire über jene Fahrt ein Gedicht, das noch die Spuren vergangener Hektik und Antizipation trug - und bis heute bewahrt hat. Auf den 31. August, einen Monat zu spät, ist die Abreise im ersten Vers datiert; dass den Autor als Ausländer die französische Mobilmachung gar nicht betraf, bleibt unerwähnt; vor allem aber bewegt sich der Text zwischen dem „Abschied von einer ganzen Epoche“ und der Ankunft in einer „Neuen Epoche“, mit der sich Rouveyre und Apollinaire „als reife Männer neu geboren“ fühlten.

          Bilder der Natur, Bilder der Technik

          Apollinaire beschreibt seine erinnerte Vorstellung von dem seit langem und mit wachsender Intensität erwarteten Krieg in einer gedrängten Folge von Bilder-Impulsen, die mit Formen und Farben des Traumas einsetzen: „wütende Riesen erhoben sich über Europa / Adler verließen ihre Nester in Erwartung der Sonne / gefräßige Fische trieben vom Abgrund nach oben / die Völker waren in schneller Bewegung, um sich von Grund auf kennenzulernen / die Toten zitterten vor Angst in ihren dunklen Bleiben.“ „In sich trug“ er, der Enkel von vier Nationen, „all die feindlichen Armeen“ - und nennt die Namen von belgischen Landschaften, „durch die alle Überfälle gekommen sind“.

          Ein zweiter Impuls schwenkt dann zu Bildern der technischen Welt: „Eisenbahnarterien, auf denen die Todgeweihten / ein letztes Mal die Farben des Lebens grüßten“; am Horizont ozeanischer Tiefen scheinen U-Boote auf, und „höher als Adler“ kämpfen die Helden des Luftkriegs. In solch stählernen Visionen tritt aus dem erinnerten Schmerz der Vergangenheit ein Versprechen von opulenter Zukunft, „das Entstehen eines neuen Universums“, bewohnt von „einem Kaufmann in unerhörter Fülle“.

          Eine Autofahrt mit Hindernissen

          Vor der eingelösten Utopie des Futuristen aber liegt als historische Schwelle, gleichsam als Maurer noch, welche die Zeiten trennt, eine Stunde des Schweigens „zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens“, die Stunde der Fragilität von Rouveyres „kleinem Auto“. Diesen Moment des Übergangs hat Apollinaire zu einem „Kalligramm“, einem Figurengedicht, verdichtet, zu einem in die Verse geschobenen Bild aus Wörtern, dessen Umriss die Form des kleinen Autos mit Rädern und Steuer ahnen lässt.

          Es ist die Stunde eines „dunklen Aufbruchs“, wo „drei Scheinwerfer verlöschen“, wo man die „Hufschmiede der Dörfer herbeirufen“ muss - bevor die fromme Kleinstadt Lisieux näher kommt und noch „dreimal ein Reifen zu wechseln“ ist.

          Folgen einer Hirnverletzung

          So beschwerlich und banal war der kurze Weg zur neuen Geburt in der Neuen Epoche, als deren Beginn Apollinaire bald den Weltkrieg feiern sollte. In Paris meldet er sich als Freiwilliger mit Ausländerstatus; flieht dann, wie viele Bewohner der Hauptstadt, vor den heranrückenden Deutschen; wird im Dezember endlich für die Armee gemustert und fünf Monate später an die Front versetzt.

          Am 17. März 1916, acht Tage nachdem er Franzose geworden ist, durchbohrt ein Granatsplitter Apollinaires Helm, bricht den Schädel und verletzt sein Gehirn; mehrere Operationen folgen. Apollinaire registriert, dass er „reizbar“ ist, „müde und sehr verschieden von dem, der er war“. Zugleich trägt er stolz seine Uniform, den Tapferkeitsorden und über der Stirn einen manchmal blutgetränkten Verband. Im November 1918 infiziert sich Apollinaire an der Spanischen Grippe, welche als Epidemie die Hauptstadt heimgesucht hat. Er stirbt am 9. November, zwei Tage vor dem Waffenstillstand - wenige Jahre vor dem Einsetzen seines Nachruhms und in der Gewissheit, den Anbruch einer glorreichen Zeit erlebt zu haben.

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