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Denk ich an Deutschland 2016 : „Es dauert lange und kostet viel Geld“

Ein Flüchtling arbeitet in einer Auto-Werkstatt im thüringischen Nordhausen (Archivbild). Bild: dpa

Früher hat Asaad Al Azem in Syrien Autos verkauft. Heute macht er das in Augsburg. Geschichten wie seine zeigen, wie Flüchtlinge in Deutschland Arbeit finden können – und welche Hürden dabei mitunter bestehen.

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          „Habe die Ehre“, sagt Walter Frey und lacht. Ein gutes Verkaufsgespräch beginne mit der passenden Ansprache des Kunden, sagt der Autohändler aus Gersthofen vor den Toren Augsburgs. So etwas, da ist sich Frey sicher, lerne man in keiner Schule: „Das lernt man nur im Betrieb.“ Asaad Al Azem kennt diese Sätze. Mehrere Wochen lang hat er hier ein Praktikum gemacht. In seinem früheren Leben war der 34 Jahre alte Syrer auch Autoverkäufer. In seiner Heimat und in Erbil, der Hauptstadt des kurdisch kontrollierten Teils im Irak. Dort habe er zehn Jahre lang für mehrere große Hersteller gearbeitet, zuletzt sei er mit 40 Mitarbeitern für Mitsubishi in ganz Kurdistan zuständig gewesen. Dennoch hat er im Frühjahr zusammen mit seiner Frau die Flucht ergriffen, kam über die Balkan-Route nach Deutschland.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Frey sagt, er könne sich gut in Asaads Lage hineinversetzen. Er sei schließlich selbst 1946 als Flüchtling aus dem Sudetenland nach Bayern gekommen. „Flüchtlinge hat noch nie jemand gewollt“, sagt er. Er habe sich dennoch sein Unternehmen mit drei Standorten und rund 30 Beschäftigten aus dem Nichts erarbeitet. „Es hat mich damals angespornt.“ Deshalb will er auch jetzt etwas tun angesichts Hunderttausender Flüchtlinge, die auf den deutschen Arbeitsmarkt strömen. „Es wäre beängstigend, wenn wir die jungen Leute nicht integrieren.“ Er sei wie ein Vater zu den Leuten, findet Frey, deshalb stelle er auch Forderungen. „Wer hier in Deutschland Fuß fassen will, den kann man nicht mit Samthandschuhen anfassen.“

          Jüngere haben gute Chancen, bei Älteren wird es schwierig

          Asaad weiß, was von ihm erwartet wird. Sein Führerschein aus Dubai ist hierzulande zwar anerkannt, aber er muss noch die Prüfung ablegen. Vor allem aber muss er Deutsch büffeln, obwohl er schon relativ gut spricht. 650 Deutsch-Stunden hat er seit Jahresbeginn bekommen. An die erste Praktikumsphase schließt sich ein Bewerbertraining an, danach kommt er zum zweiten Mal ins Autohaus Frey. Gerade hat Asaad einen Aufenthaltstitel für drei Jahre erhalten. „Wenn wir einen Platz für ihn haben, stellen wir ihn ein“, sagt Frey.

          Der Syrer könnte einer von 20.000 sein, die von „Ida“ profitieren sollen. Die Abkürzung steht für Integration durch Arbeit, einer Kooperation von bayerischer Landesregierung, Arbeitsagentur und Wirtschaftsverbänden, die schon vor der großen Flüchtlingswelle gestartet wurde. Bertram Brossardt ist Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und einer der Initiatoren des Programms. Dafür hat sein Verband 6,7 Millionen Euro in die Hand genommen, das Gesamtvolumen beträgt bis zu 20 Millionen.

          Deshalb ärgern ihn pauschale Vorwürfe, „die“ Wirtschaft tue zu wenig für die Flüchtlinge. „Die Öffnung war eine politische Entscheidung, und wir haben damals schon gesagt, dass kurzfristig höchstens zehn Prozent in den Arbeitsmarkt integriert werden können.“ Mittelfristig sieht er bei den Jüngeren gute Chancen, bei Älteren wird es schwierig. In dieser Deutlichkeit hätte er sich das auch von anderer Stelle gewünscht, sagt Brossardt mit Blick auf überzogene Vorstellungen aus Politik und Wirtschaft aus dem vergangenen Jahr, als von einem zweiten Wirtschaftswunder durch Flüchtlinge die Rede war.

          In Arbeit und Ausbildung trotz fehlender Dokumente

          Heute zeigt sich die Größe der Aufgabe. „Es dauert lange und kostet viel Geld“, fasst Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, die Aussichten zusammen. Bis zum Jahresende werden wohl 35.0000 arbeitslose Flüchtlinge in seiner Statistik auftauchen, Tendenz steigend.

          In Bayern hat man einen langen Atem. „Nach einem Jahr kann man sagen, auch wenn es am Anfang chaotisch war, haben wir uns beachtlich geschlagen“, so Brossardt. Wahrscheinlich werde man das Ziel bis Jahresende deutlich übererfüllen und bis zu 35.000 Flüchtlinge in Arbeit oder Ausbildung bringen, selbst wenn viele keine Dokumente über Schul- und Berufsausbildung vorweisen können.

          „Die Loyalität bei Flüchtlingen ist sehr hoch“

          Auch Dickson Ominyi kann nur erzählen, dass er in Nigeria verschiedene Jobs erledigt hat, nachdem er zwölf Jahre zur Schule gegangen sei. Unter anderem habe er auch sechs Jahre als Elektriker gearbeitet, erzählt der 29 Jahre alte Mann. Dickson ist Christ und lebte im muslimisch dominierten Norden des Landes. Sein Vater und sein Bruder seien wegen ihres Glaubens getötet worden. Deshalb floh er im Sommer 2014 von dort. Jetzt lebt er in einer Einrichtung in Taufkirchen bei München. Sein Asylverfahren läuft noch, er hat eine Aufenthaltsgestattung.

          Anfang September hat Dickson eine Einstiegsqualifizierung bei der Kuhn Elektro-Technik GmbH in München begonnen. Dieses Förderinstrument soll Jugendliche reif für eine Ausbildung machen und kommt bei Flüchtlingen häufig zum Einsatz. Wenn es gut läuft, könnte das Ganze nach einem Jahr in eine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik münden. Geschäftsführer Florian Kuhn hat Erfahrung mit der Integration von Flüchtlingen. Sein Vater stellte vor fast zwanzig Jahren den ersten ein; heute haben unter den rund 100 Beschäftigten sechs einen Migrationshintergrund. „Die Loyalität bei Flüchtlingen ist sehr hoch – das kann man für Geld nicht kaufen“, so Kuhn. Er will nur Pünktlichkeit und Disziplin, den Rest bringe man den Menschen schon bei. Die meisten seien froh, wenn sie mal für 40 Stunden in der Woche nicht als Flüchtlinge behandelt werden, glaubt Kuhn. Ansonsten gelte die Regel: „Bist du Lehrling, bist du Lehrling.“ Keine Ausnahmen.

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